Westend von Martin Mosebach. Frankfurt liest ein Buch - Gießen liest vor 

Martin Mosebach © Hagen SchnaussMartin Mosebach © Hagen Schnauss

Sonntag, 5.5., 12 Uhr

KiZ (Kongresshalle)
Südanlage 3a
35390 Gießen

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Es hatte eine große Menge literaturbegeisterter Menschen am vergangenen Sonntag ins KiZ der Kongresshalle am Berliner Platz verschlagen. So viele, dass alle Karten verkauft und der Ausstellungsraum, in dem die Lesung mit dem bekannten Autor Martin Mosebach stattfinden sollte, nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt war, sondern auch bis auf die letzte Nische von den Besucher*innen eingenommen wurde.

Mit Martin Mosebach saß dieser aufmerksamen Menschenmenge nun ein Autor gegenüber, den der Moderator Joachim Jacob (Institut für Germanistik) mit schelmischem Blick als einen „Grenzgänger zwischen den Künsten“ bezeichnete. Mosebach hat zahlreiche Preise gewonnen, seine Werkbiographie umfasst nicht nur Prosa, sondern auch Lyrik und Hörspiele, schrieb beispielsweise für die Serie Radiotatort – vielleicht ein Grund, dem Fernseher die Treue abzuschwören und sich stattdessen sonntäglich wieder dem Radio zuzuwenden, wie Jacob betonte. Doch so wie das Radio ein Verweis auf eine andere Zeit in unserer Mediengeschichte ist, dessen Berechtigung heute noch ungebrochen ist, hatte Mosebach das Anliegen, im Rahmen der Lesereihe seinen historischen Roman Westend vorzustellen, der bereits 1992 erschienen war. Es ist ein Buch vor seiner Zeit gewesen, urteilte Jacob selbst. Westend mag heute ein unspektakuläres Stadtviertel sein, jenes aber, was Mosebach den Besucher*innen der Lesung präsentierte, führt in eine vergangene Zeit mit anderen Norm- und Wertevorstellungen.

Die Gegenwart des Krieges ist noch spürbar, als der junge Alfred Bonté beschließt, eine Kanufahrt auf dem Main zu unternehmen. Vor ihm türmen sich zu beiden Uferseiten unterschiedliche Bilder einer anderen Gegenwart. Zerbombte Häuser bilden auch im Jahr 1951 eine unmittelbare Kulisse, auch wenn der Neuaufbau längst begonnen hat. Es mag in der Natur des Menschen liegen, der die wachsende Stabilität des beginnenden Wirtschaftwunders genießen will. Und doch wird die „Kulissenlandschaft“, die Alfred vom Wasser aus betrachtet, jäh gebrochen, als er auf etwas stößt, das ihn erschauern lässt. Die Leiche eines neugeborenen Kindes, vielleicht misshandelt, vielleicht vom langen Treiben im Mainwasser entstellt, erinnert Alfred an die Verwundbarkeit und das Grausame des Krieges, das buchstäblich wieder an die Oberfläche kommt.

Mosebach macht in Westend seine Figuren zum „Kernpersonal“ seines Buches. Er erzählt in sieben Kapiteln unterschiedliche Geschichten zu Personen, die zwischen den Mauern und Räumen leben, die das Stadtviertel in Frankfurt abbilden, welches im Verlauf mehrerer Jahre seine eigene Geschichte erzählen wird. Doch wie sich in der Diskussion mit Joachim Jacob zeigte, hatte Mosebach Frankfurt eher unfreiwillig gewählt. „Frankfurt ist kein Kairo“, sagte er knapp, als er auf seine Motivation für den Stoff um Westend angesprochen wird. Es sei die Erinnerung an seine eigne Jugend gewesen, die ihn die Gassen von Frankfurt erkunden lassen wollte, welche im Gegensatz zur ägyptischen Hauptstadt nicht von selbst ihre Geschichten erzählen würden.

Nach der ersten düsteren Szene des Romans mit Alfred Bonté machte Mosebach im prall gefüllten Saal der Kongresshalle klar, was Westend nicht nur zu einer historischen Rückschau, sondern auch zu einem Gesellschaftsroman macht, der über seiner Zeit steht. Er erzählte dem lauschenden Publikum von einer neugierigen Haushälterin, für die es unfassbar erscheint, dass in ihrem Mietshaus nun eine Mutter einzieht, deren Mann sie nur ein einziges Mal gesehen hat. Für uns mag dieser Zustand heute alltäglich sein. Mit dem Wort „alleinerziehend“ hat man ein Adjektiv kreiert, das als Attribut zum jeweiligen Erziehungsberechtigten jede Statistik unserer Zeit mitbeschreibt. Für die Zuhörenden der Lesung aber wird diese Szene zu einer Zeitreise im Kleinen, die Mosebach in seinem Roman wohlwollend mit Wörtern geschmückt hat, die heute nicht mehr in unserer Alltagssprache verwurzelt sind, und gerade deshalb andere Bilder erzeugen können. Nur so, lässt es sich wohl auch verstehen, dass Mosebach auf Jacobs Frage danach, ob er ein Wortkünstler sei, antwortete, dass er es liebe, in seinen Texten alten ungebräuchlichen Wörtern ein zu Hause zu geben.

Zum Abschluss einer spannenden Lesung nahm Mosebach alle Anwesenden mit auf einen Berg im Frankfurter Stadtviertel. Zwei Kinder wollen dort mit ihrem Roller um die Wette fahren und erkunden, wer schneller den Berg hinunter kommt. Der schlichte Holzroller des kleinen dicklichen Alfreds muss jedoch gegen den verchromten „Ballonreifenroller“ von Toddi verlieren, da er nicht so leicht über die löchrige Piste kommt. Ob Mosebach hier den Gegensatz zwischen der Wirtschaftswundergesellschaft und der Arbeiterklasse eingebaut hat? Dieser Gedanke ist auf der Lesung zweitrangig, er wäre sicher im Lachen der Besucher*innen untergegangen.

Mit der Fertigstellung von Westend jedenfalls endete für Martin Mosebach eine sechs Jahre lange Recherche- und Schreibarbeit, deren Honorierung er damals kaum begreifen konnte. In seinem Roman wird das Stadtviertel zum Fixpunkt des Geschehens um viele verschiedene Charaktere. Es sei der Zugang zu den gesellschaftlichen Gegebenheiten, der in Westend verankert liege, sagte Mosebach den Anwesenden am Ende der zweistündigen Veranstaltung, der ihm besonders am Herzen gelegen hätte. In jedem Fall eröffnete die Lesung allen Anwesenden den Zugang zu einem Roman, der darauf verweist, dass Frankfurt nicht nur die deutsche Bankenmetropole, dass das kleine Stadtviertel nicht langweilig, sondern per se ein  „lieu de mémoire“ sein kann. Zumindest dann, wenn man Mosebachs Buch aufschlägt. Nach so einer spannenden Lesung, wie sie die Besucher des KiZ erleben dürften, sollte die Motivation dazu bestärkt worden sein.

(Sebastian Ernst)

 

 


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