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Matthias Brandt | Blackbird 

Kiepenheuer & Witsch 2019
288 Seiten
22 Euro

ISBN 978-3462053135

von Melanie Stolz | Download

»Ich war entweder gefrustet oder wütend oder beides. Nicht nur wegen der Jacquelinegeschichte. Auch wegen meinen bescheuerten Eltern. Und wegen Bogi natürlich. Weil mir keiner sagte, was wirklich mit ihm los war. Immer hatte ich das Gefühl, alle wollten mich schonen, oder, was wahrscheinlicher war, hielten mich für zu blöd, um die Wahrheit zu kapieren oder damit klarkommen zu können. Und in der Schule war ich dann auf einmal nicht mehr zu doof, oder was? Da sollte ich mir jeden verschissenen nutzlosen Mist merken, den die mir erzählten, die binomischen Formeln oder so, nur als Beispiel jetzt.«

Der 15-jährige Motte ist voller Frust, als sich sein vertrautes Leben plötzlich völlig auf den Kopf stellt. Nicht nur ziehen seine frisch getrennten Eltern auseinander, auch sein bester Freund Bogi erhält die Diagnose Krebs und ist fortan nur noch während kurzer, unbehaglicher Krankenhausbesuche für Motte erreichbar. Zu diesen nicht selten verwirrenden Umständen muss sich Motte einer Herausforderung ganz anderer Art stellen, als er sich auch noch in Jacqueline verliebt – ein Mädchen aus der Nachbarschule, das ihn vermutlich noch gar nicht bemerkt hat.

In diesem grundlegend neusortierten Leben steht Mottes engster Begleiter Bogi ihm von einem Tag auf den anderen nicht mehr ständig zur Seite, um sich dem tyrannischen Lehrer Herrn Kragler in der Schule zu stellen oder um gemeinsam die neusten Platten anzuhören. Stattdessen nehmen Themen wie Tod, Verlust und Liebeskummer immer mehr sein Denken ein und es prägt ihn vor allem eins: Unsicherheit.

In Blackbird bewegt sich Motte im Berlin der 1970er Jahre. Diese Zeit und ihre ikonischen Orte, an denen er sich aufhält, mindern jedoch nicht die Aktualität des Romans. Die Themen, die Motte bewegen, sind zeitlos: Tyrannische Lehrer, die erste Liebe und die erste Konfrontation mit dem Tod sind Momente, die früher oder später jeder einmal erlebt.

Matthias Brandt, der eigentlich als Schauspieler u.a. aus der Serie Polizeiruf 110 bekannt ist, gelingt mit seinem Debütroman Blackbird eine Coming-of-Age-Geschichte ganz nah am Fühlen und Denken des Protagonisten. Am Beispiel von Motte führt er die Lesenden bewegend und zum Nachsinnen anregend in den Lebensabschnitt der Jugend zurück. Motte begegnet den Lesenden dabei lebensecht, nicht zuletzt durch die für ihn beinahe durchgehend verwendete Erzähltechnik des Bewusstseinsstroms. Sein Innenleben wird dadurch sehr authentisch dargestellt – jugendlich und ohne Zensur. Motte schildert dabei alles, was er erlebt und denkt – wie ihm Dinge peinlich sind, wie er kritisch mit sich selbst und anderen umgeht, wie er gereizt von Eltern und Lehrern ist und ein anderes Mal nervös bei ernsten Themen. Dabei kommentiert er alles, was ihm begegnet und ihn bewegt, auf unterhaltsam humorvolle und trockene Weise. Auch Brandts andere Figuren sind anrührend lebensnah gestaltet. Mit charakteristischen Details schafft er es, sie plastisch, echt und tiefgehend zu beschreiben, sodass selbst kleine Nebenfiguren das Interesse für eine ganze Geschichte wecken.

Blackbird birgt eine Handlung wie aus dem Leben geschnitten und umschließt dabei nervenkitzelnde Höhen wie auch bedrückende Tiefen. Matthias Brandt gibt durch seinen Debütroman eine ermutigende Botschaft weiter: In all dem Schmerz, der Überforderung und Verwirrung bleiben Konstanten im Leben bestehen und es besteht die Chance, weiterzumachen.

Der 288 Seiten lange Roman ist trotz teilweise schwerer Themen locker geschrieben und lässt sich ebenso leicht lesen. Leser*innen, die selbst in den 1970er Jahren in ihrer Jugendphase waren, werden durch Rückblenden in die Zeit, insbesondere durch das Vokabular der damaligen Jugendsprache, einen nostalgischen Lesegenuss haben, aber auch Leserinnen und Lesern anderer Generationen bietet Blackbird eine unterhaltsame und bewegende Lektüre.

 

Matthias Brandt (*1961 in Berlin) ist Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt und ein bekannter deutscher Schauspieler. Blackbird ist sein erster Roman. Zuvor veröffentlichte er 2016 mit der Geschichtensammlung Raumpatrouille sein literarisches Debüt.

                                                                                                   Melanie Stolz


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