Drei Kameradinnen. Lesung und Gespräch mit Shida Bazyar 

Dienstag, 29.6. – 19:30 Uhr (digital per Livestream)

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Die Veranstaltung findet digital per Livestream statt.
 

Digitaler Zugang: kostenfrei

Moderation: Sandra Binnert (LZG)

 

Am Dienstag, den 29.6.2021 fand die Lesung mit Autorin Shida Bazyar zu ihrem aktuellen Roman Drei Kameradinnen statt. Für Zuschauer*innen wurde die letzte Veranstaltung unseres Frühjahrsprogramms über den YouTube-Kanal des LZG gestreamt. Die Mitglieder des LZG-Teams  durften jedoch den drei Textpassagen sowie dem interessanten Gespräch zwischen Bazyar und Moderatorin Sandra Binnert vor Ort im Prototyp folgen. Wir blicken zurück auf diesen gelungenen Abschluss unseres Frühjahrsprogramms.

 

1988 als Kind iranischer Eltern in Hermerskeil geboren, studierte Shida Bazyar zunächst Literarisches Schreiben in Hildesheim und zog anschließend nach Berlin, um dort als Bildungsreferentin und Autorin zu arbeiten. Nach ihrem vielfach ausgezeichneten Debütroman Nachts ist es leise in Teheran ist mit Drei Kameradinnen im April ihr zweiter Roman erschienen. Er handelt von den drei Freundinnen Hani, Kasih und Saya, die in derselben Siedlung aufgewachsen sind und sich nach längerer Zeit wiedertreffen. Ihnen wird bewusst, wie sehr ihr Alltag von den missbilligenden Blicken und den abweisenden Kommentaren, denen sie aufgrund ihrer Herkunft ausgesetzt sind, geprägt ist. Zu Beginn der Lesung erzählt Bazyar, dass die Lektüre von Remarques Drei Kameraden sie dazu bewegte, eine Freundschaftsgeschichte zu schreiben, die von Frauen handelt anstatt von Männern. Der Titel Drei Kameradinnen existierte als Arbeitstitel bereits vor dem Text, bekam durch seine Themen, vor allem durch jenes des Rassismus, jedoch weitere Konnotationen. Kameradschaft, ein Begriff der unter anderem von Anhänger*innen des rechten politischen Spektrums vereinnahmt wird, wird in Bazyars Roman von drei nicht-weißen Frauen zurückerobert, die sich im Kampf gegen Diskriminierungen miteinander solidarisieren.

 

Die erste vorgelesene Passage ist exemplarisch für die Erzählhaltung in dem Roman, denn hier äußert Kasih den Vorwurf, dass Menschen durchaus noch rassistisch sein können, selbst wenn sie glauben alle Vorurteile abgelegt zu haben. Diese Erzählhaltung begründet Bazyar auf der narrativen Ebene damit, dass Kasih selbst ein weißes Publikum anspricht und diesem einen Spiegel vorhält. Des Weiteren erklärt Bazyar, dass diese Pöbelhaltung die legitime Wut des Charakters abbildet und auch die Autorin selbst ihr eigenes Publikum nicht schonen wollte.

Außerdem wird in dieser Passage die Vergangenheit der Kameradinnen geöffnet, ohne deren Herkunft zu benennen. Shida Bazyar erklärt, dass sie mit der Zuordnung einer Herkunft Gefahr gelaufen wäre, bei der Konstruktion ihrer Charaktere Klischees zu verwenden und diese Information keinen Mehrwert für das Verständnis der Figuren hat. Der Verzicht reflektiert den Blick, den die Autorin im realen Leben auf Menschen haben möchte; auch hier will sie nicht aufgrund von Nationalitäten kategorisieren.

 

Da die drei Kameradinnen im Verlauf des Romans immer wieder Mikroaggressionen ausgesetzt sind, werden auch diese bei der Lesung thematisiert. Bazyar erläutert, dass es bei diesen Diskriminierungen zu keiner Eskalation kommt und sie deswegen leicht übersehen werden können. Wenn man sich jedoch mit Machkonstruktionen auseinandergesetzt hat, dann kommt man nicht umhin, deren Rolle in vielen zwischenmenschlichen Situationen zu identifizieren. Durch das Beschreiben von Mikroaggressionen in ihrem Roman kann Bazyar diesen analytischen Blick in Literatur übersetzen.

Diskriminierungserfahrungen sowie der differierende Umgang der Protagonistinnen mit diesen sind Gegenstand der zweiten Textpassage. Während Saya Beispiele für Mikroaggressionen sammelt und sich viel mit der Thematik auseinandersetzt, sieht Hani eher darüber hinweg. Die darauffolgende Diskussion widmet sich diesem Aspekt in der Freundschaftsdynamik zwischen den Protagonistinnen. Im Gegensatz zu Saya und Kasih wird Hani nicht als nicht-weiß gelesen und ist in dieser Hinsicht privilegierter als ihre Freundinnen. Es wird diskutiert, dass dieser Umstand es ihr erleichtert, nicht wütend zu werden, wenn sie diskriminiert wird. Andererseits wird ihre Strategie dadurch begünstigt, dass Saya bereits diejenige ist, die solchen Erfahrungen mit Wut entgegnet. Bazyar bemerkt, dass auf diese Weise eine Balance zwischen den drei Kameradinnen aufrechterhalten wird. Gerade ihre differierenden Strategien im Umgang mit Diskriminierungserfahrungen machen das Buch spannend.

Es wird ebenfalls diskutiert, dass die Diskriminierungserfahrungen der Protagonistinnen nicht nur im Hinblick auf den Rassismus, sondern auch auf den Klassismus und Sexismus gedeutet werden müssen. Bazyars Intention war es, die Intersektionalität von Diskriminierung in ihrem Roman zu verdeutlichen. Werden die drei Kameradinnen lediglich als nicht-weiß betrachtet, so werden die anderen Diskriminierungskategorien unterschlagen und damit reproduziert. Diese Problematik zeigt letztlich, wie schwer die Verkopplung der verschiedenen Kategorien den Kampf gegen Diskriminierung macht.

 

Nach der dritten Textpassage werden schließlich einige Fragen aus dem Publikum beantwortet. Eine von diesen erkundigt sich nach Bazyars Schreibprozess, betreffend die realen Zustände, die im Roman abgebildet werden. Die Autorin antwortet, dass am Beginn ihres Arbeitsprozesses kein Plot besteht, sondern dieser sich beim Schreiben entwickelt. Drei Kameradinnen wurde zwischen 2018 und 2020 verfasst, eine Zeitspanne in die der Mord an Walter Lübke, die Attentate in Hanau und Halle sowie die Drohungen des NSU 2.0 fallen. Indirekt beeinflussten jene Geschehnisse zwar den Roman, jedoch schildert Bazyar, dass sie nicht überlegen musste, wie sie diese einarbeitet, da rechter Terror einen kontinuierlichen und repetitiven Charakter aufweist. Da rechtsmotivierte Taten immer wieder als Einzelfälle deklariert werden, erklärt Sandra Binnert diese Schilderung Bazyars zu dem traurigen, aber wichtigen Fazit der Lesung.

 

 

Aenne Frankenberger


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