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Chad Harbach | Die Kunst des Feldspiels 

DuMont 2012
607 Seiten
22.95 Euro

ISBN 978-3-83216-926-9

von Johannes Rotter | Download

Ausgerechnet ein Buch über Baseball, wird man sich denken, der in den Augen vieler Europäer langsamsten und langweiligsten Sportart überhaupt. Und dann auch noch 600 Seiten lang, kann das gut gehen? Um die Antwort und das Urteil gleich vorweg zu nehmen: Ja, es kann.

„Campus Novels“ sind auch in Deutschland spätestens seit Dietrich Schwanitz kein unbekanntes Genre mehr. In den USA sind sie nach wie vor geradezu omnipräsent, was nicht verwundert, bieten sie doch einen schönen und vor allem geschlossenen Schauplatz, an dem sich nahezu jede Geschichte irgendwie verorten lässt. Das Westish College, idyllisch am Lake Michigan in Wisconsin gelegen, ist der perfekte Ort für die Handlung rund um das Baseballteam der Westish Harponeers. Henry Skrimshander ist deren unbestrittener Star und kurz davor, einen historischen Rekord zu brechen. Doch dann lässt ihn ein verheerender Fehlwurf an seinem Talent und seinen Fähigkeiten zweifeln und er stürzt in eine tiefe Krise. Dadurch wird die Handlung rund um seine Freunde in Gang gebracht: Mike Schwartz, Henrys Entdecker und Mentor, ahnt kurz vor dem Abschluss seines Bachelor-Studiums, dass sein Leben jenseits von Baseball nicht mehr viel zu bieten hat. Owen Dunne, Henrys Mitbewohner und der gute Geist des Teams, lässt sich auf eine Affäre ein, die von Beginn an unter keinem guten Stern steht. Pella schließlich kehrt nach einer vierjährigen Ehe zu ihrem Vater Guert Affenlight zurück, dem Präsidenten der Uni, um am Westish College ihr Studium nachzuholen.

Ja, es ist häufig von Football und Baseball die Rede. Ja, Mike Schwarz lebt quasi auf dem Sportgelände der Uni und ja, es werden oft und ausführlich Spielszenen geschildert. Doch ist dies alles weder Staffage noch Selbstzweck. Es umreißt zum einen das Setting und zum anderen die Umstände der einzelnen Hauptfiguren. Wer wie Henry morgens um fünf Uhr aufsteht, um im Stadion die Tribünen hoch und runter zu sprinten, definiert sich nun mal über den Sport. Daher muss dieser als ein Hauptbestandteil seines Lebens auch entsprechend ausführlich geschildert werden. Man hat es also mit „Jocks“ in Reinform zu tun, wie sie aus vielen College-Filmen ausreichend bekannt sind. Generell lässt sich sagen, dass Sportfilme oft eine Anhäufung ärgerlicher Klischees sind und solche können oder wollen von Chad Harbach auch in Die Kunst des Feldspiels nicht ganz vermieden werden. Da werden Spieler in der Kabine vom Team ausgeschlossen, ein wenig Sex soll gegen eine Pechsträhne helfen und durch Heldenmut versöhnt man sich wieder auf dem „field of dreams“. Und für ein Provinzteam aus Wisconsin sind stundenlange Busfahrten durch die Einöde kein Klischee, sondern ganz einfach der ermüdende Alltag.

Wer mag aber über Klischees schimpfen, wenn man sich die Legende rund um die Veröffentlichung des Romans anschaut: Zehn Jahre hat Chad Harbach an dem Buch geschrieben und von Verlagen eine Absage nach der anderen kassiert. Bis sich seiner schließlich ein begeisterter Agent annahm und die Rechte für die Veröffentlichung bei einer Auktion für über 500.000 Euro meistbietend versteigert wurden.

Der feingeistige deutsche Germanistikstudent muss sich nun aber keine Sorgen machen, denn selten wurden durchtrainierte Sportler so feinfühlig, verletzlich und unsicher dargestellt wie in Die Kunst des Feldspiels. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, seien es Zukunftsängste, Selbstzweifel oder die Leere, die zu spüren ist, solange kein Baseball in der Nähe ist, der Sicherheit geben könnte. Aber keine Sorge: Der Abschluss des Buches ist nicht das letzte große Spiel, sondern eine Hommage an den Autor Ralph Waldo Emerson, am Westish College auch unter hochgezüchteten Sportmaschinen bekannt.

Die Kunst des Feldspiels fällt angenehm auf, da auf popkulturelle Bezüge, die sonst in der aktuellen Literatur schon zum guten Ton gehören, beinahe vollständig verzichtet wird. Pop-Musik wird nur in Form des „rap song of the moment“ erwähnt. Hochkultur hingegen umso mehr: Klassische Musik wird ausführlich mit Namen und den damit verbunden Gefühlen geschildert. Herman Melville, Henry David Thoreau und Emerson sind stets präsent und vor jedem Baseballspiel werden griechische Philosophen zitiert. Soviel elitärer Snobismus muss auch wieder einmal sein dürfen.

Geschrieben ist der Roman in einer flüssigen Sprache, was man auf Englisch wohl einen „pageturner“ nennt. Man ist beim Lesen schnell mitten drin in dem kleinen, traditionsreichen College in der Provinz, in dem „school spirit“, in den Bars einer Kleinstadt und dem Studentenleben drum herum. Harbach gibt den Krisen, die die Protagonisten meistern müssen, viel Raum und so kann sich der Roman langsam aufbauen und den Leser in seinen Bann ziehen. Im Gegensatz dazu sind die Spielszenen und die Hektik, die rund um ein solches Spiel entstehen können, rasant und spannend erzählt und nehmen gleichzeitig keinen zu großen Raum ein. Der Aufbau des Romans ist fesselnd und orientiert sich wahlweise an Drehbüchern für Hollywoodfilme oder klassischen Tragödien.

So großartig und empfehlenswert das Buch auch ist, bei einem hilft es allerdings nicht: Baseball mag wohl spannend sein, die Regeln versteht man nach dem Lesen aber immer noch nicht.

 

Zum Autor:

Chad Harbach wurde 1975 in Racine (Wisconsin) geboren. Er studierte Journalistik an der Harvard University und an der University of Virginia. Zusammen mit einigen anderen Autoren ist Harbach Gründer und Herausgeber der Literaturzeitschrift n+1. Die Kunst des Feldspiels ist sein erster Roman.

(Johannes Rotter)


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