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Ariel Magnus | Das zweite Leben des Adolf Eichmann 

Kiepenheuer & Witsch 2021
240 Seiten
20 Euro

ISBN 978-3-462-00091-7

von Angelina Isak| Download

Klement, so nennt sich der Nationalsozialist Adolf Eichmann, um seine Kriegsidentität im Jahr 1952 nach dem zweiten Weltkrieg in der argentinischen Emigration zu verbergen, zeigt nach seiner kriegsverbrecherischen Vergangenheit der an „Gräuel so reichen“ Menschheitsgeschichte des Nationalsozialismus keine Reue. Zwar gelingt es Magnus, dass der Lesende bereits in den ersten Seiten Motive einer Sympathie gegenüber Klement erfährt, wenn dieser immer wieder von seinem fehlenden Glück berichtet und den Roman mit den Worten „Warum musste er immer so ein Pech haben?“ einleiten lässt. Auch der Paratext vermittelt Eichmanns Kritik an der schlechten Staatsführung, die ihm reichlich Unbehagen und Misserfolge brachte. Ferner beschreibt der Autor, dass Klement „wieder einmal von dem altvertrauten Gefühl befallen [wurde], dass ihn schon seit jüngster Jugend begleitete wie eine persönliche Ursünde: dem Scheitern“.

Ariel Magnus illustriert auf eine provokante Art das Leben des Adolf Eichmann in Argentinien und die weitere Liebe Klements gegenüber Ordnung und Kontrollen der Massen. Durch die Emigration erhält er Einblicke in die Staatsführung Argentiniens, die er stark mit seiner eigenen Heimat in Vergleich setzt. Der Roman spiegelt eine Aneinanderreihung einzelner Erinnerungen des Adolf Eichmann wider, die jedoch nicht chronologisch vorliegen. Immer wieder wirkt das egozentrische Verhaltensmuster von Klement, wenn er beispielsweise die Blumen der verstorbenen Frau des argentinischen Präsidenten vom improvisierten Altar stiehlt, um sie der Mutter seiner Kinder bei ihrer Anreise zu schenken. Insbesondere wird aber sein weitergehender skrupelloser Hass gegenüber den Juden deutlich, wenn er fast wie an einen Nationalfeiertag, den er sich hinsichtlich der Deportation der Juden aus „dem Herzen des Reichs“ am 17.10.1941 auch gewünscht hatte, denkt, weil er für diesen Auftrag die jeweilige Zuständigkeit bekam. Auch strebt er weiterhin danach, ideologische Kampfbegriffe wie den des Vierten Reiches zu verwenden, wenn Klement vor einem Publikum erklärt, dass sie sich keinesfalls aufgrund ihrer Niederlage vor dem Sieger zu demütigen haben. Im Roman erfährt der Lesende die starke Ablehnung des Protagonisten gegenüber dem katholischen Glauben seiner getrennten Frau, die im Roman aus zahlreichen Wutausbrüchen und dem Zerreisen der Heiligen Bibel hervorgebracht gezeigt wird. Diese Indizien und auch intertextuellen Angaben lassen an den „Kulturkampf“ zwischen dem deutschen Katholizismus und dem Nationalsozialismus erinnern, da nur ein kleiner Teil der – vorwiegend evangelischen – Christen sich dem Nationalsozialismus untergeordnet und antisemitische Thesen und Mordritual-Legenden von Juden verbreitet hatten. Magnus geht in seinem Werk aber nicht auf solche Hintergrundinformationen ein, die meist das Verständnis der intertextuellen Zusammenhänge bedingen. So wird auch die von Klement als schlecht bezeichnete Studienreise zur zionistischen Bewegung im Nahen Osten und vom Buch Der Judenstaat des Österreichers Theodor Herzl sowie dem Monatsheft Der Weg. El Sendero  gesprochen, welches eine nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien erscheinende Zeitschrift einer Emigrantenbewegung von deutschsprachigen Nationalsozialisten darstellt. Auch seine Kindeserziehung, dessen Aufgabe er sich – nachdem er seinen Kindern beichtet, nicht der Onkel, sondern der Vater der Familie zu sein – erst Jahre später verschreibt, führt er keinesfalls kindesgerecht aus. Dahingehend macht er von seiner väterlichen Autorität und dem vermeintlichen Recht auf Kontrolle stark Gebrauch, wenn er seinen Kindern mit seiner liebsten pädagogischen Methode Diskretion befiehlt und ihnen als sanfte Ankündigung dafür, was ihnen blühte, wenn sie nicht gehorchten, Ohrfeigen verpasst. Auch erzählt er seinen Kindern stolz von seinen Arbeitserfahrungen, wenn er von seiner Kernaufgabe als Verantwortlicher für die Transporte – nämlich wie man die Menge an Menschenmaterial pro Waggon und an Waggons pro Zug zu maximieren vermochte – berichtet und ihnen anhand dessen ein paar Mathematikaufgaben stellt. Das Werk „Das zweite Leben des Adolf Eichmann“ von Ariel Magnus ist sehr provokativ, aber auch spannend verfasst, weil der Rezipient die Hoffnung aufrecht halten vermag, dass sich das egozentrische, nationalsozialistische und rassistische Gedankengut des Klement verändert, um somit schlussendlich mit ihm sympathisieren zu können, was dem Lesenden aber verbleibt. Daher werden die Zeilen oftmals mit einer regelrechen Wut gelesen, weil auch die Phrasen – in denen deutlich wird, dass er die Stellung des Familienvaters nach Jahren erneut und ernsthafter übernehmen muss – eine regelrechte Enttäuschung durch seine äußerst zu kritisierenden pädagogischen Methoden darstellt. Durch die vielen intertextuellen Angaben muss der Lesende, der womöglich über ein geringeres historisches Wissen verfügt, erstmal den Lesefluss unterbrechen und recherchieren, andernfalls können die Zusammenhänge nicht in Verbindung gesetzt und so auch nicht vollständig verstanden werden, welches Gedankengut respektive welche Überzeugung sowohl erzieherisch als auch hinsichtlich einer guten Staatsführung Adolf Eichmann/Klement verfolgt. Für den Lesenden ist es spannend, zu sehen, ab wann von einem schleichenden Sympathisieren eines Täters aus dem Nationalsozialismus gesprochen werden kann und bei welchen Aussagen die eigenen moralischen Grenzen hinsichtlich dieser fiktiven Erzählung liegen. Andernfalls ist das Werk teilweise sehr anspruchsvoll geschrieben, da – wie bereits erwähnt – viele kontextuelle Sprünge zwischen den Kapiteln hinterlegt sind und man als Lesender oft erst nicht zuordnen kann, von welcher Situation gerade erzählt wird. Daher habe ich ambivalente Gefühle, wenn es darum geht, eine Empfehlung auszusprechen. Durch die vielen Sprünge hat es mir insgesamt nicht besonders gefallen. Historisches Lernen kann mit diesem Roman nicht vollzogen werden, was – so denke ich – auch nicht der Anspruch hinter diesem Werk ist.

Über den Autor: Ariel Magnus (*1975 in Buenos Aires, Argentinien) ist ein argentinisch-deutscher Schriftsteller, der in Heidelberg und Berlin Romanistik und Philosophie studierte und an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl für Spanische Literatur arbeitete. Er schrieb bereits für verschiedene Medien in Lateinamerika, die taz in Berlin und Spiegel Online und lebt heute als Schriftsteller und literarischer Übersetzer in Buenos Aires. Bislang veröffentlichte er elf Bücher, wurde (2007) für seinen Roman Ein Chinese auf dem Fahrrad mit dem internationalen Literaturpreis Premio La otra Orilla ausgezeichnet.

                                                                                                                                                                                                                              Angelina Isak


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