VIELLEICHT IM SOMMER. Musikalische Lesung mit dem ehemaligen Giessener Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger 

© Lisa Wächter© Lisa Wächter

Freitag, 19.6., 19:30 Uhr

Junge Kirche Gießen

Löberstr. 4

35390 Gießen

 

 

Eintritt frei, Anmeldung erwünscht

 

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Moderation: Angelina Isak (LZG)

 

Veranstaltungsbericht:

Am Freitagabend, den 19.6., durften wir den ehemaligen Gießener und Autor Lukas Mi-Sa Nguyễn Egger in der Jungen Kirche Gießen begrüßen. Er las aus seinem Debütroman Vielleicht im Sommer und führte das Publikum im Gespräch mit Moderatorin Angelina Isak (LZG) auf eine spannende Reise, auf der aus zwei fremden Jungen Brüder werden. Zwischen den Lesepassagen präsentierte Nguyễn Egger thematisch passende selbstgeschriebene Lieder am Klavier und begleitete diese mit Gesang.

»Manchmal fühle ich mich wie ein Imposter«, eröffnet der Autor schmunzelnd den Abend und meint damit sein frisches Autoren Dasein. Sein Coming-of-Age-Roman Vielleicht im Sommer erzählt die Geschichte von Kian, der bei seinem kleinkriminellen Vater aufwächst. Nach einem schweren Schicksalsschlag landet der 15-Jährige im Heim und entscheidet schnell, dass er dort nicht bleiben will. Als er in derselben Nacht Marco kennenlernt, brechen die beiden gemeinsam aus und beginnen einen 7-tägigen Roadtrip Richtung Nordsee. Im Zentrum der Reise stehen eine unwahrscheinliche Freundschaft, neu gewonnene Freiheit sowie das Gefühl einer Familie, die die Jungen sich selbst ausgesucht haben. Mit den Worten »Kian sieht in Marco etwas, was er vor langer Zeit verloren hat«, beschreibt Nguyễn Egger das Verhältnis der beiden Jugendlichen zueinander.

In den gelesenen Passagen wurde deutlich, dass sich der Protagonist ganz allein fühlt und mit einer ständigen Trauer zu kämpfen hat. In dieser Niedergeschlagenheit würden sich Kian und der Autor ähneln. »Wenn ihr euch fragt, wie Lukas als Jugendlicher war, müsst ihr euch nur Kian anschauen«, hob Nguyễn Egger hervor. Passend zum Thema Traurigkeit spielte und sang er ein melancholisches Lied am Klavier. Im Dialog mit Angelina Isak kam zur Sprache dass Kian seine Gedanken und Gefühle vor allem durch das Schreiben verarbeitet. Die Tagebucheinträge im Roman seien für ihn »der einzige Ort für seine Gefühle«. Gleichzeitig begleite den Teenager eine ständige innere Anspannung. »Kians Nervensystem ist dauerhaft auf Alarm«, beschrieb der Autor, weshalb der Junge immer wieder über den Tod nachdenke und die Handlung zwischen schmerzhaften Rückblicken und hoffnungsvollen Momenten wechsle. Mit der Moderatorin diskutierte Nguyễn Egger das Spannungsverhältnis zwischen Gleichgültigkeit und Einsamkeit, Kians Wut auf die Welt sowie die Bedeutung von Freundschaft. Diese Themen zogen sich wie ein roter Faden durch den gesamten Abend und prägten  sowohl die Lesepassagen als auch das Gespräch.

Auch über den Entstehungsprozess des Romans sprach der Autor offen und mit viel Humor. Eigentlich habe er »einen Feel-Good-Roman schreiben wollen«, erklärte er lachend. »Das hat nicht so gut geklappt«, ergänzte er und sorgte damit für viele Lacher im Publikum. Das Gefühl von Leichtigkeit komme zwar, allerdings erst später, genau wie die Freiheit, die Kian und Marco auf ihrem gemeinsamen Weg allmählich erfahren. Das immer wiederkehrende Meermotiv stehe dabei sinnbildlich für Hoffnung und einen Neuanfang. Auf die Frage, weshalb die Reise ausgerechnet in Bielefeld beginne, antwortete Nguyễn Egger augenzwinkernd: »Ist nicht so deep. Es war reiner Pragmatismus.« Von dort seien es schließlich ungefähr sieben Tage bis ans Meer.

Im weiteren Gespräch berichtete Nguyễn Egger, der selbst in Gießen Theologie studiert hat, dass er sich jedes Mal wie ein Student fühle, wenn er in die Stadt zurückkehre. Auf die Frage, wann ihm bewusst geworden sei, dass er Geschichten schreiben wolle, antwortete er schmunzelnd: »2023 war mir während Corona langweilig. Da kam mir die Idee, einen Roman zu schreiben. Langeweile ist absolut underrated!«  . »Mein Wunsch war es, Kids aus schweren Milieus eine Stimme zu geben. Dabei wollte ich kein Erklärbar sein. Ich wollte die Probleme präsentieren«, betonte er.

Neben dem Schreiben spielt auch die Musik für den Autor eine wichtige Rolle. Er schilderte, dass beim Songwriting meist zuerst der Text entstehe und anschließend die passende Melodie. Musik sei erst spät in sein Leben gekommen. Zwischen den Lesepassagen ging er immer wieder zum Klavier und ließ die Themen des Romans musikalisch weiterklingen. Besonders berührend war dabei ein Lied über Traurigkeit, Armut, Alkohol und den Sozialstaat, das die gesellschaftlichen Hintergründe der Geschichte aufgriff und die  Stimmung des Romans eindrucksvoll unterstrich.

Immer wieder bezog Nguyễn Egger auch das Publikum mit ein. So lud er die Zuhörer*innen dazu ein, den bekannten Refrain aus Nils Holgersson mitzusingen. Der gesamte Saal stimmte ein und ein besonderer Gänsehautmoment entstand. Mit viel Witz sprach der Autor außerdem über seine Figuren und verriet: »Wenn ich abends nicht schlafen kann, dann chill ich mit Kian und Marco. Das klingt irgendwie weird.« Diese augenzwinkernde Bemerkung zeigte, wie eng er sich seinen Figuren auch lange nach dem Schreiben noch verbunden fühlt. Nguyễn Egger überzeugte durch seine authentische und nahbare Art, mit der er eine angenehme, lockere Atmosphäre schuf.

Zum krönenden Abschluss überraschte er die Anwesenden mit einer besonderen Zugabe. Er spielte ein Lied auf der Ukulele, das er zuvor noch nie öffentlich präsentiert hatte. Mit diesem persönlichen und gefühlvollen Abschluss endete eine Lesung, die eindrucksvoll zeigte, wie eng Literatur und Musik miteinander verbunden sein können und wie bewegend Geschichten über Freundschaft, Verlust und Hoffnung erzählt werden können.

Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Jungen Kirche Gießen statt.

von Nane Klein


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