Dienstag, 10.2., 19 Uhr
Hermann-Levi-Saal (Konzertsaal im Rathaus)
Berliner Platz 1
35390 Gießen
Zugang barrierefrei
Eintritt: 8 € | erm. 6 € | LZG-Mitglieder frei
Veranstaltungsbericht:
Im Frühjahrsprogramm eröffnete Dora Zwickau uns innovative Einblicke in eine alternative Gesellschaftsform – eine Zukunftsvision, die womöglich greifbarer ist, als sie zunächst erscheinen mag. Am 10. Februar las die Autorin im Hermann-Levi-Saal aus ihrem Debütroman Gesellschaftsspiel und kam mit Moderatorin Begüm Kardes ins Gespräch. Müsste man den Roman mit nur einem Wort beschreiben, so wäre es wohl: vielschichtig. Sowohl auf thematischer als auch auf persönlicher Ebene entfaltet sich in Gesellschaftsspiel ein komplexes Geflecht aus Beziehungen, Konflikten und gesellschaftlichen Fragen. Ein Buch, das sich zwischen Familienroman und gesellschaftlich-politischem Drama bewegt.
Gleich zu Beginn fragte Kardes nach dem Schauplatz des Romans: Weimar. Diesen habe die Autorin als historisch aufgeladene Stadt bewusst gewählt. Neben ihrer kulturellen Bedeutung stehe Weimar als Ost-Stadt auch sinnbildlich für gesellschaftliche Bruchlinien in Deutschland, »passend zur Systemfrage in meinem Buch«, erklärte Zwickau. In dieser Kulisse vereint sie gezielt private und politische Ebenen: Während die drei Protagonistinnen, Annika, Isabelle und Dagmar, hier nach einem familiären Todesfall wieder zusammenfinden, wird Weimar zur »Future City«, in der ein Tech-Milliardär mit der App »Syndicate« einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen will. Fragen zu Moral, Macht und Kontrolle rücken in den Vordergrund und drängen Privates zunehmend in den Hintergrund.
Im Zentrum des Gesprächs zwischen Moderatorin und Autorin stand die Idee hinter »Syndicate«. Die App solle weniger eine konkrete Zukunftsvision entwerfen, sondern vielmehr bestehende Machtverhältnisse sichtbar machen und gesellschaftliche Mitbestimmung stärken. »Sie soll zeigen, wie eng Technologie mit politischen Interessen verwoben ist.« Zwickau verwies dabei auf Akteure wie Elon Musk, Mark Zuckerberg oder Bill Gates, um die Aktualität und Relevanz dieser Verflechtungen zu unterstreichen. Entsprechend seien auch die Schwerpunkte der App gesetzt. Intention sei es, so Frauen- und LGBTQIA+-Rechte zu stärken und die Umwelt zu schützen. »Die App soll bewusst einen Kontrast zu den gegenwärtigen Machtinteressen setzen«.
Auf die Frage nach ihrem Zugang zu diesen komplexen Themen deutete Zwickau auf ihren eigenen Werdegang hin. Durch ein Studium in Geschichte und Politik sowie ihrer Arbeit als Werbetexterin in der Tech-Branche gelang es ihr, im Buch analytisches Wissen mit praktischen Einblicken zu vereinen. »Außerdem haben mich gesellschaftliche Fragen schon immer interessiert«, führt sie weiter aus.
Ziel ihres Romans sei es gewesen, den »Geist der Gegenwart« abzubilden: Eine Zeit, in der technologische und politische Dynamiken zunehmend in den Alltag hineinwirken und individuelle Lebensrealitäten prägen. Wie sich dies auf das Privatleben auswirkt, zeige sich in den Perspektiven der Protagonistinnen: Annika versucht ihre Smartphone-Nutzung mithilfe der App »Appstinence« zu kontrollieren; Isabelle vermittelt ihrer Klasse eine kritische Haltung gegenüber technologischen Entwicklungen, während Dagmar sich von diesen eher abgehängt fühlt. Zwickau beschrieb ihre Protagonistinnen als Vertreter*innen unterschiedlicher Generationen und Lebensrealitäten – in ihrem Roman solle sich jeder wiederfinden können.
Spannend war die Frage aus dem Publikum, wozu es den Tod eines Familienmitglieds überhaupt brauche, wenn er doch im Verlaufe des Buchs kaum weiter thematisiert werde. Zwickau antwortete, dass genau darin der Punkt liege: Persönliche Themen, wie Trauer, fänden in einer von politisch und gesellschaftlichen Debatten überladenen Welt oft keinen Raum mehr. Sie beobachte, dass sich aktuell viele von den schnelllebigen technischen und politischen Entwicklungen überfordert und zugleich unter Druck gesetzt fühlen, in sozialen Medien mithalten zu müssen sowie ständig eine informierte und reflektierte (politische) Meinung zu haben. Dabei scheint der Raum für private Angelegenheiten immer kleiner zu werden. Nickende Köpfe im Saal scheinen diese Wahrnehmung zu bestätigen. Dieses Gefühl von Verdichtung, vom Schritt-Halten-Müssen im Digitalen wie im Privaten – mit Job, Freundschaften, Familie und Weltgeschehen – war an dem Lesungsabend deutlich spürbar.
Eindeutig wurde, wie eng individuelle Lebensrealitäten mit gesellschaftlichen Entwicklungen verflochten sind. Gesellschaftsspiel liefert für diese Herausforderung keine Lösungen, vielmehr Perspektiven, die im Austausch weitergedacht werden können. Zwickau betonte: »Die Leser sollen ihre eigene Rolle in einer sich wandelnden Gesellschaft hinterfragen.« Somit blieb der Abend nicht nur als literarisches Ereignis, sondern auch als Anstoß zur gemeinsamen Reflexion in Erinnerung.
Die Veranstaltung fand in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Gießen statt.
von Nina Scherer