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Elli H. Radinger | Wolfsküsse 

Sachbuch
Rütting & Loening 2011
224 Seiten
19,99 Euro
ISBN 978-3-352-00820-7

von Anja Schäfer | Download

„Aus dem Wald kam ein einzelner, tiefer Klang, der sich immer weiter hochschraubte. Er kroch durch meine Eingeweide bis in mein Herz. [...] Ich schärfte meine Sinne und versuchte, den Klang tief in mich aufzusaugen, um ihn nie wieder zu vergessen. Der Regen vermischte sich mit meinen Tränen. Ich sang mit wilden Wölfen in ihrem Revier.“

Eigentlich wollte Elli H. Radinger ein wissenschaftliches Fachbuch über das Verhalten von Wölfen schreiben und an Vorgänger wie Die Wölfe von Yellowstone und Wolfsangriffe - Fakt oder Fiktion anknüpfen. Doch schon im Vorwort ihres Buches Wolfsküsse erfährt der Leser, dass ihn vielmehr ein persönlicher Lebensbericht der Autorin erwartet, die ihr Dasein der Beobachtung von Wölfen widmet.

In zwölf Kapiteln ist die von Radinger selbstbetitelte ‚wölfische Biographie‘ unterteilt und lässt uns an ihrem Leben voller Wagnisse und Umbrüche teilhaben. Dabei werden wir Zeugen des Lebensweges einer mutigen Frau, die ihr altes gesichertes Leben hinter sich lässt, um neuen Spuren zu folgen und ihren Lebenstraum zu verwirklichen.

Alles beginnt mit der Scheidung von ihrem Mann und der zunehmenden Unzufriedenheit mit der Arbeit als Rechtsanwältin. Einer Arbeit, der sie sich nicht gewachsen fühlt, denn jede Gerichtsverhandlung wird für Radinger zu einer emotionalen Herausforderung und macht die Anwältin krank. Als schließlich ein wütender Mandant ihr Büro demoliert, entschließt sie sich ihr bisheriges Leben aufzugeben, zieht in eine kleine Einliegerwohnung, nimmt ihren alten Job als Stewardess wieder auf und erkundet in den freien Sommermonaten den nordamerikanischen Kontinent. Hier trifft sie erstmals auf Kojoten und beginnt Interesse an deren größeren Verwandten - den Wölfen - zu entwickeln. Sie gelangt an ein Praktikum am Forschungsinstitut ‚Wolfpark‘ in Indiana, tritt erstmals in direkten Kontakt zu den Tieren und wird Ziehmutter von fünf Wolfwelpen. Doch sie nimmt auch deren Gefangenschaft als einen wiedersinnigen Eingriff in die Natur wahr. So führt sie ihr Weg schließlich weiter in den Yellowstone-Nationalpark in Wyoming, wo sie als Teil eines Forschungsteams das Verhalten der freilebenden Wölfe studiert. Hier erzählt sie eindrucksvoll von ihren Begegnungen mit den Wölfen, von der Schönheit der Wildnis und dem Leben am Rande der Zivilisation.

Letztlich schafft es Elli H. Radinger mit diesem Buch ihre eigene Faszination über die Wölfe auf den Leser zu übertragen: Er baut Nähe zu den Tieren auf, indem er sie vor dem inneren Auge aufwachsen, lieben und sterben sieht. Darüber hinaus verharrt die Autorin jedoch nicht in simplen Verhaltens-Beobachtungen, sondern projiziert den Drang der Wölfe nach Freiheit, Familie und Heimat auf den Menschen. Radinger scheut dabei nicht ihre eigenen Gefühle preiszugeben, gewährt Einblicke in ihr bewegtes Leben, zeigt Versäumnisse, Fehler und Ängste auf. Demgegenüber spürt man jedoch auf jeder Seite des Buches auch die innere Zufriedenheit, die sie im Leben in Einklang mit der Natur gefunden hat.

Sie gelangt zu der Erkenntnis, dass sie erst von den Wölfen gelernt hat, im Augenblick zu leben und die Wildnis in sich und um sich herum anzuerkennen. In diesem Sinne schließt das Buch mit der Botschaft, dem wölfischen Urvertrauen zu folgen, alle Zweifel hinter sich zu lassen und die eigenen Träume zu verwirklichen.


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