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Volker Weidermann | Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft 

Kiepenheuer & Witsch 2014
160 Seiten
17,99 Euro
ISBN 978-3462046007

von Daniel Schneider | Download

Es ist das Jahr 1936: Um dem politischen Klima in Nazi-Deutschland für eine Weile zu entgehen, verbringt eine Gruppe befreundeter Schriftsteller und Künstler den Sommer gemeinsam in der belgischen Küstenstadt Ostende, zu jener Zeit einer der glanzvollsten und mondänsten Badeorte Europas. Unter ihnen sind Stefan Zweig, Joseph Roth, Irmgard Keun, Hermann Kesten, Egon Erwin Kisch, Ernst Toller und gelegentlich auch Klaus und Erika Mann. In einer Atmosphäre, die auf eigenartige Weise zwischen der Ausgelassenheit eines Urlaubs und der Verzweiflung des Exils oszilliert, feiern sie, arbeiten sie, lieben sie und diskutieren sie weltpolitische Entwicklungen: Die scheinbare Friedlichkeit im kurz vor der Ausrichtung der Olympischen Spiele stehenden Deutschland, den Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges, ihre dahinschrumpfenden Veröffentlichungsmöglichkeiten in diesem immer faschistischer werdenden Europa.

Diesen Sommer zu beschreiben hat sich Volker Weidermann, Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, in seiner Monographie Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft zur Aufgabe gemacht. Dazu geht er in drei Schritten vor: Er liefert zunächst die Vorgeschichte des Aufenthalts und schildert sowohl Zweigs ersten Besuch in Ostende im Jahr 1914, der auf den jungen Schriftsteller eine Art magische Initialwirkung ausübte, als auch die familiäre und berufliche Situation Zweigs und Roths im Jahr 1936, in dem beide jeweils eine Ehefrau haben, die sie eigentlich am liebsten loswerden würden.

Anschließend beschreibt Weidermann die Ereignisse dieses besonderen Sommers in ihren unterschiedlichsten Facetten: Er gibt für alle auftretenden Persönlichkeiten ein detailliertes Portrait ihrer Herkunft und versucht, sowohl ihrer individuellen seelischen Verfassung während dieser Monate als auch ihren Beziehungen untereinander nachzuspüren. Die Schwerpunkte legt er dabei auf die Freundschaft zwischen Zweig und Roth sowie auf die Liebe zwischen Roth und Keun: So erfährt der arme Ostjude und schwere Trinker Roth vom Wiener Millionär Zweig vor allem finanzielle und moralische Unterstützung, während Roth als der wohl talentiertere Schriftsteller von beiden Zweig häufig bei dessen literarischer Arbeit unter die Arme greift und sogar ganze Szenen für ihn schreibt. Ein noch seltsameres und gegensätzlicheres Paar bildet der trübsinnige Roth, der aussieht „wie ein trauriger Seehund, der sich an Land verirrt hat“, mit der lebensfrohen Irmgard Keun: Während sie zumeist vergeblich versucht, ihm etwas von ihrer optimistischen Grundhaltung einzuflößen, stachelt er seine Freundin vor allem zum Schreiben und Trinken an. „Sie versucht ihm das Trinken abzugewöhnen und er, es ihr anzugewöhnen. Ich glaube er gewinnt“, charakterisiert Egon Erwin Kisch die Dynamik dieser eigentümlichen Beziehung.

Im Schlussteil erzählt Weidermann die Nachgeschichte des Sommers 1936: Dabei geht er vor allem auf das Leben der verschiedenen Künstler nach dem Aufenthalt in Ostende ein und beschreibt den Tod von Roth in Paris sowie Zweigs Selbstmord in Brasilien im Jahr 1942 – ganz gemäß Zweigs trauriger Feststellung „Wir werden nicht alt, wir Exilierten“. Aber auch das Städtchen Ostende erhält ein kleines Schlusskapitel, das mit den melancholischen Worten „Ostende gibt es nicht mehr“ einsetzt und in dem der Autor ein äußerst tristes Bild vom heutigen Zustand der im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe zerstörten Nordseestadt malt. Der Symbolcharakter dieses Verfalls für die allgemeine Stimmung des Niedergangs im Buch ist dabei kaum zu übersehen.

Ostende ist ein unterhaltsamer Bericht über diesen einzigartigen Sommer der Künstlerfreundschaften und bietet zugleich einen unkomplizierten Einstieg in die deutschsprachige Literaturszene der 1930er Jahre: Weidermann schreibt anschaulich und jargonfrei; sein Buch ist gut recherchiert und mit schönen Anekdoten ausgeschmückt. Als kleine Kostprobe hierfür kann die Geschichte um Roths Rezension zu Kestens erstem Roman dienen: „Roth las [den Roman], fand ihn nicht besonders gut und vor allem unverständlich. Er schrieb das auf, gab den Text vor der Veröffentlichung Kesten zum Lesen. Die letzten beiden Sätze lauteten: ‚Ich verstehe den Roman nicht. Vielleicht ist Kesten ein großer Humorist.‘ Kesten strich den vorletzten Satz, aus dem letzten tilgte er das Wort ‚vielleicht‘. So sei es doch viel besser, sagte er zu Roth. Und der ließ den Text dann in Kestens Wunschversion erscheinen.“

Stilistisch weist Ostende dagegen leider einige Schwächen auf. In einem Interview mit dem MDR Figaro auf der Leipziger Buchmesse antwortet Weidermann auf die Frage, welchem Genre sein Buch denn zuzuordnen sei, dass er es zunächst als Erzählwerk angelegt habe, dann aber aus Fantasiemangel und wachsendem Objektivitätsanspruch zur Form des historischen Berichts übergegangen sei. Leider merkt man dem Text dieses unsichere Pendeln zwischen den Gattungen an: So versucht sich der Autor häufig als Erzähler und zielt auf psychologisch und atmosphärisch dichte Beschreibungen ab, nur damit sich schon im nächsten Satz der Literaturwissenschaftler Weidermann einschaltet und eine nüchterne, literaturhistorische Einordnung des eben noch so episch Vorgetragenen liefert. Auch in Weidermanns Verhältnis zu seinem Personal spiegelt sich dieser unentschlossene Ton wider: Mal ist er so vertraut mit ihnen, als wären sie samt ihrem Intimleben ganz seiner Fantasie entsprungen, dann wieder geht er zu einem wissenschaftlichen Vortragsduktus über, in dem die Personen bloß noch als Zitatenquelle vorkommen.

Neben diesem generellen Problem sind Weidermann einige kleinere stilistische Patzer unterlaufen: So stolpert man beim Lesen immer wieder über – wenn auch sicherlich teilweise gewollte – Wortwiederholungen wie „Keun ist begeistert von seiner Begeisterung“ oder „wie Stefan Zweig eine Art Wiederholung seiner Erlebnisse von 1914 erlebt“. Darüber hinaus verfällt der Ton des Buches nicht selten ins Pathetische oder Phrasenhafte („Es ist nicht leicht, all das von sich zu werfen, was man in den Jahren zuvor aufgebaut hat. Ein ganzes Leben.“).

Abschließend bleibt also festzustellen, dass die Stärke von Ostende vor allem in Weidermanns Zusammenführung von Zitaten, Berichten und Anekdoten aus diesem Sommer 1936 und damit in der Schaffung einer übersichtlichen Darstellung jener Monate in Belgien liegt. Als Chronist hat Weidermann seine Aufgabe erfüllt, als Erzähler und Stilist darf er sich bei Joseph Roth und Stefan Zweig noch das eine oder andere abschauen.

Zum Autor
Volker Weidermann wurde 1969 in Darmstadt geboren und studierte Politikwissenschaft und Germanistik in Heidelberg und Berlin. Heute arbeitet er als Literaturredakteur und Feuilletonchef bei der Frankfurt Allgemeinen Sonntagszeitung. 2009 erhielt er den Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik für Buch der verbrannten Bücher.

Daniel Schneider


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