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Irena Brezná | Die undankbare Fremde 

Roman
Galiani 2012
140 Seiten
16,99 Euro
ISBN 978-3869710525

von Hannah Zirkler | Download

Viele Einwanderer glauben, sie müssten mit dem zufrieden sein, was sie in ihrer neuen Heimat erreicht haben, da die Umstände in ihrem Heimatland viel schlimmer waren. Sie meinen, sich anpassen und ganz in der Gesellschaft des jeweiligen Landes verschwinden zu müssen, ohne aufzufallen. Dabei verschweigen sie all die negativen Seiten, die eine Einwanderung mit sich bringt.

Gegen dieses Denken kämpft die tschechoslowakische Autorin Irena Brezná mit ihrem Roman Die undankbare Fremde an und versucht, das Schicksal von Auswanderern realistisch zu beschreiben und zu zeigen, wie schwer es wirklich sein kann. Sie stellt unbeschönigt und ehrlich die Geschichte einer geglückten Einwanderung mitsamt deren negativen Seiten dar. Hierbei trifft die bunte, überraschende und emotionale slawische Kultur auf die zu strukturierte, graue, biedere und künstliche der Schweiz.

Der Leser erlebt zum einen die Entwicklung eines Mädchens vom schüchternen Kind hin zu einer rebellierenden Studentin, zum anderen den Alltag einer Dolmetscherin, die Einwanderer in schwierigen Situationen begleitet und deren Schicksal teilt. Vor allem das Mädchen, dessen Name der Leser im Roman nicht erfährt, will sich nicht an die neue Gesellschaft und ihre Zwänge anpassen: Sie will anders sein, um nicht in dieses künstliche Leben zu rutschen, was beispielsweise durch die Weigerung des Sprechens des Schweizer Dialekts zum Ausdruck kommt. Mit den kindlichen Augen des Mädchens wird der Leser durch deren Welt geführt und erlebt, wie sie versucht, ihren Platz in der neuen Gesellschaft zu finden, ohne sich allzu sehr verbiegen zu müssen. Sie fühlt sich in ihrer neuen Heimat nicht wohl und findet ihre einzige Freundin in Mara, mit der sie ihr Schicksal teilt. Die Mädchen stolpern durch diese neue Welt und scheuen nicht, Tatsachen zu kritisieren und ihre Meinung offen kundzugeben.

Das Motto der beiden Mädchen: „Wir sind hier! Ihr müsst mit uns rechnen, mit unserer Andersartigkeit, wir wollen euch nicht nur nacheifern, wir finden bei euch nicht alles erstrebenswert. Es ist unmöglich, auf Dauer dankbar zu sein. Das ist ein künstliches Leben. Wir wollen Echtheit.“

In dieser oberflächlichen Gesellschaft, in der Kinder zu Egoisten und einer übertriebenen Selbstständigkeit erzogen werden, nimmt sich nicht einmal der Postbote Zeit für einen kleinen Plausch und alle sind nur damit beschäftigt, ihren eigenen Dingen nachzugehen. Somit werden in diesem Roman die gesellschaftlichen Eigenheiten der Schweizer teilweise wie beiläufig und ironisch angesprochen, was zunächst amüsiert, ehe über den wahren Inhalt nachgedacht wird.

Durch die Figur der Dolmetscherin lernt der Leser wiederum verschiedene Schicksale von Einwanderern und deren Schwierigkeiten kennen. So hilft sie unter anderem einer Schwangeren bei der Geburt, die Anweisungen der Hebamme zu verstehen, einer Cabarettänzerin zu realisieren, dass diese sich prostituiert, oder sie bewahrt einen Familienvater vor dem Selbstmord, der mit seiner Emigration nicht zurechtkommt. Es gelingt ihr nicht immer, neutral zu bleiben, wie es ihr Vorgesetzter empfiehlt, sondern sie wirft sich mit all ihrer Kraft in das Schicksal dieser Einwanderer. Dabei kommt die Darstellung ihres eigenen Charakters und ihrer Empfindungen meist zu kurz.
Die beiden Erzählerinnen gleiten angenehm und ohne scharfe Unterbrechungen von Thema zu Thema. Die Handlung, die vielmehr einer Schilderung gleicht, plätschert leicht dahin. Dies geschieht mit einer bildhaften Sprache voller Metaphern. Auf sehr humorvolle Weise werden dem Leser auch sprachliche Missverständnisse nähergebracht: So glaubt das Mädchen zu Beginn des Romans, sie dürfe nicht über das Nationalgericht, den Käse sprechen, als ihr gesagt wird „Red‘ keinen Käse“. Auch wenn die Erzählweise meist amüsiert, so enthält sie doch auch ein gewisses Maß an Traurigkeit über den Zustand der Gesellschaft.

Die undankbare Fremde ist ein ehrliches Buch, das gesellschaftliche Themen behandelt, die zwar vorhanden sind, aber selten angesprochen werden. Es zeigt anschaulich die negative Seite der Einwanderung und lässt den Leser auf nachvollziehbare Weise miterleben, wie die Dinge wirklich sind. Dabei entsteht beim Leser stellenweise der Eindruck, die Autorin wolle mit ihrem Roman zeigen, dass eine Diktatur charakterlich bessere Menschen hervorbringt und dass die slawische Kultur besser als die schweizerische ist. Doch in dieser kritischen Darstellung spiegelt sich vielmehr der Gedanke, dass nicht jede Gesellschaft perfekt ist, selbst wenn sie das Glück hat, in einem freien Land zu leben.

Zur Autorin
Wie Irena Breznás 2008 erschienener erster Roman Die beste aller Welten lässt sich auch ihr neuer Roman als autobiografisches Werk ansehen. Die Autorin wanderte selbst 1968 mit 18 Jahren gemeinsam mit ihrer Familie von der Tschechoslowakei in die Schweiz aus und wie die junge Protagonistin des Romans, hatte auch sie Schwierigkeiten sich anzupassen und wollte keine Kopie einer Schweizerin werden. Heute lebt die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Kriegsreporterin gerne in der Schweiz.


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