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Matthias Zschokke | Der Mann mit den zwei Augen 

Roman
Wallstein Verlag 2012
242 Seiten
19,90 €
ISBN: 978-3-8353-1111-4

von Ann-Christin Helmke | Download

Dass der Mann, um den es in diesem Roman geht, zwei Augen hat, verrät bereits der Titel – mit weiteren Informationen zum Äußeren der Hauptfigur hält sich der Erzähler zurück. Er ist eben ein gewöhnlicher Mann, oder etwa nicht?

Die Erzählung setzt mit dem Tod der Frau ein, mit der der Mann mit den zwei Augen 30 Jahre zusammenlebte – oder nebeneinander her lebte, da ist sich der Mann nicht sicher. Überhaupt scheint nichts sicher in Matthias Zschokkes Roman – die einzige Konstante ist die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem Mann und der Frau, die zusammenleben, aber kaum miteinander sprechen und den Zeitpunkt verpasst haben, vom „Sie“ zum „du“ überzugehen. Nach ihrem Tod zieht der Mann mit den zwei Augen nach Arenberg und lebt in einer Pension.

Dort stolpert er durchs Leben, denkt nach und sucht nach Veränderungen, weil er sich selbst für langweilig hält. Währenddessen beschreibt der Erzähler kleine Episoden von Alltäglichkeiten und Banalitäten. Diese Episoden lesen sich wie das Aufflackern seltsamer, überaschender und schöner Augenblicke, die man nicht recht fassen kann. Auf diese Weise wirkt selbst die kleine Geschichte, die die Frau dem Mann einmal erzählte, wie eine Poetisierung des Alltags: Sie wuchs mit einem Hund auf, der Flopp hieß und immer vor der Badezimmertür schlief. Jeder, der nachts zur Toilette musste, stieg mit einem großen Schritt über ihn. Die Familie tat selbst dann noch diesen großen und mittlerweile unnötigen Schritt, als der Hund bereits gestorben war.

Hier ist nichts, wie es auf den ersten Blick scheint: Die Handlung und die Charaktere schillern, sind mit Ironie und dauerhaftem Zweifel durchzogen. Der Mann heißt mal Bob, mal Fuchtler, mal Philibert und auch er gibt der Frau immer wieder andere Namen. Viele Formulierungen stehen im Konjunktiv und zeigen die Geschehnisse als ein Spiel mit den Möglichkeiten. Da ist es nur stringent, dass die Gespräche überwiegend indirekt wiedergegeben werden, was nebenbei einen guten Lesefluss erzeugt.

„Aus Angst davor, dass sie ihm weggenommen werden könnten, hatte er deswegen auch keine Freunde“ – obwohl der Mann konservativ, an dieser Stelle sogar weltfremd wirkt und seltsame Ansichten zu haben scheint, überrascht er mit seinen Entscheidungen, seiner Einstellung zur Sexualität und seiner Offenheit in den Monologen gegenüber fremden Menschen. Selbst der Schluss ist nicht sicher, wenn der Erzähler ein alternatives Ende anbietet, wie es im Leben des Mannes weitergehen könnte.

Die Szenen sind kurz, prägnant und dennoch geschmückt mit Sätzen, die es wert sind, über sie nachzudenken: „Im Grunde genommen könnte man wahrscheinlich jeden Tag, den man hinter sich gebracht hat, am darauf folgenden noch einmal von vorne beginnen, um das, was man tags zuvor nicht in all seinen Verästelungen zu erleben vermocht hatte, im zweiten Anlauf zu erleben, und morgen wieder und so fort, weil man immer erst morgen merkt, wie es heute war.“

Der Mann mit den zwei Augen zeichnet sich vor allem durch seine unaufdringliche und erfrischend andere Erzählweise aus. Die eigentliche Handlung wird durch die assoziativ eingestreuten Schilderungen des Alltäglichen bunter und tiefgründiger. Das Lesen dieses Romans gleicht einer Zugfahrt mit wechselnden Gesprächspartnern, bei der jeder etwas aus seinem Leben erzählt, dann an der nächsten Station aussteigt und danach ein anderer weitererzählt, wobei dieser sogar die Worte seiner Vorredner aufgreift.

Über den Autor
Matthias Zschokke, geb. 1954 in Bern, lebt seit 1980 als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. 1982 debütierte er mit dem Roman Max, für den er den Robert-Walser-Preis erhielt. Er veröffentlichte zahlreiche Romane, Theaterstücke sowie Filme und wurde mit renommierten Preisen gewürdigt, darunter dem Gerhart-Hauptmann-Preis, dem Solothurner Literaturpreis und dem Prix Femina étranger für den Roman Maurice mit Huhn.


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