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Larissa Boehning | Das Glück der Zikaden 

Roman
Galiani 2011
320 Seiten
19.99 Euro
ISBN 978-3869710396

von Hannah Klein | Download

Drei Frauen, drei Generationen, drei geschichtliche Ereignisse.

Das Glück der Zikaden erzählt aus dem Leben dreier Frauen einer Familie, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sich aber in ihren Sehnsüchten und Problemen gleichen.

Nadja, Schauspielerin an einem russischen Theater, muss in den 1930er Jahren mit ihrem Mann Anton und ihren zwei Kindern Russland verlassen, um in Antons Heimat Deutschland zu fliehen. Ganz vergessen kann sie Russland und ihren geliebten „Walroßbart-Diktator“ Stalin jedoch nicht, daher entfremdet sich die junge Frau zusehends von ihrer Familie und flüchtet sich in ihr Klavierspiel. Zu ihrer Tochter Senta entsteht ein kühles, distanziertes Verhältnis und so zerstört sie kurz vor ihrem Tod noch das gute Geschirr, um es nicht der Tochter überlassen zu müssen. Über den Tod ihrer Mutter kommt Senta trotz des schlechten Verhältnisses nur schwer hinweg. Bei dem Versuch, es anders als ihre Mutter zu machen und eine liebevolle Großfamilie zu gründen, schleichen sich jedoch von Anfang an Geheimnisse und Misstrauen ein. Bis zu dem Tod ihres Mannes Michael hält sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurück, um die Familie zusammenzuhalten. Nach dessen Tod kann sie die Wahrheit jedoch nicht mehr länger verbergen und gesteht ihrer Tochter Katarina, dass sie von einem anderen Mann, ihrer eigentlichen großen Liebe, abstammt. Diese bricht daraufhin den Kontakt zu ihrer Mutter ab und verliert sich in einer erotischen Beziehung mit dem Nachbarn ihres leiblichen Vaters, in welcher sie offenen Auges betrogen und ausgenutzt wird.

So unterschiedlich die drei Frauen auch sind, sie ähneln sich in ihrer Unfähigkeit, den Menschen, die sie lieben, ihre wahren Gefühle zu zeigen und wirken auf den Leser zugleich stark wie unbeholfen.

Die Geschichte präsentiert sich episodenhaft und hinterlässt dabei Lücken wie in einer Erinnerungsrückblende. Die dabei entstandenen Leerstellen werden selten nachträglich gefüllt und so muss der Leser oftmals seine eigenen Schlüsse ziehen. Jede neue Episode erfordert Konzentration, um herauszufinden, wie viel Zeit inzwischen vergangen ist, ob es sich noch immer um dieselbe Person handelt oder ob ein Ereignis stattgefunden hat, von dem nichts erzählt wurde. Innerhalb einer Episode werden oftmals die Sichtweisen mehrerer Personen dargestellt und so erfährt man z.B. ebenso von Nadjas Gefühlen wie auch von denen ihres Ehemanns Anton, was zum Verständnis ihrer ungleichen und komplizierten Hass-Liebe, aber auch zu dem der Geschichte beiträgt. Die Autorin entwirft dabei immer wieder passende und aufs Detail bedachte Kulissen, welche die Stimmung der Handlung unterstützen und die handelnden Personen zu charakterisieren scheinen. Auf diese Weise verbindet der Leser mit Nadja, dem „Revuemädchen“, die eisige Winterlandschaft Russlands, welche zu Beginn des Romans im Zusammenhang mit der Tötung eines kranken Pferdes auf dem eingefrorenen See beschrieben wird; mit Senta die Residenz und den Garten in Spanien, dem einzigen Ort, an dem sie sich sicher fühlt; und mit Katarina die „Liebeshöhle“ in dem dunklen Eckhaus ihrer Eltern, in dem auch das Klavier mit der Beethoven-Büste steht.

Eine Familiengeschichte, die sich während der drei wichtigsten deutschen Geschichtsabschnitte des letzten Jahrhunderts abspielt: Nationalsozialismus, Mauerbau und Mauerfall; und dabei das richtige Maß an Geschichte, Alltäglichem und Familienkonflikten findet, ohne langweilig zu werden oder abzuheben.
Wer hier Liebesgeschichten mit Happy End und eingängigem Text erwartet, wird also bitter enttäuscht werden. Die drei dargestellten Lebensgeschichten überzeugen viel mehr mit Realitätsnähe und der „hochmusikalischen Sprache“ der Autorin. Der Stil und die Handlung fordern den Leser nachdrücklich zum (Mit-)Denken auf, führen aber bei ungenauem Lesen schnell zu Verwirrungen.

An manchen Stellen möchte man die Protagonistinnen schütteln und sie von ihrem hohen Ego-Ross stoßen, denn anscheinend sind sie sich ihres falschen Handelns und der Fehlentscheidungen stets bewusst, reagieren jedoch nicht.

Die Autorin
Larissa Boehning (1971) wuchs in Hamburg auf, machte ihren Abschluss in Ohio, studierte Kulturwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie in Berlin und lebte eine Zeit lang in Spanien, Korsika, Frankreich und den USA. In ihrer Berufslaufbahn arbeitete sie bereits als Grafikdesignerin, Schriftstellerin, Dozentin im Fachbereich Kulturwissenschaft und Germanistik und als Workshop-Leiterin an der Mallorca Film Academy von 2004 bis 2007. Seit 2007 wohnt sie wieder mit ihrer Familie in Berlin. Für eine Geschichte aus Schwalbensommer (2002) erhielt sie den Literaturpreis Prenzlauer Berg. Ihr Romandebüt Lichte Stoffe (2007) stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreis und wurde mit dem Kulturpreis der Stadt Pinneberg sowie dem Mara-Cassens-Preis für das beste Debüt des Jahres 2007 ausgezeichnet.“ (Klappentext)

(von Hannah Klein)


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