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Susann Pásztor | Und dann steht einer auf und öffnet das Fenster 

Kiepenheuer & Witsch 2017
288 Seiten
20 Euro

ISBN 978-3-462-04870-4

von Lea Ransbach | Download

(Wie) wollen wir dem Tod begegnen? – Mit dieser Frage muss sich Fred Wiener, ehrenamtlicher Sterbegleiter,  auseinandersetzen, als er seinen ersten Auftrag erhält. Karla Jenner, die in einigen Monaten an Krebs sterben wird, und Fred Wiener könnten unterschiedlicher nicht sein. Sie ist selbstbewusst, direkt und mutig. Er ist dick, unbeholfen, ängstlich und eher der Typ „Versager“. Während Fred Wiener alles daran setzt, seine erste Sterbebegleitung nicht in den Sand zu setzen, hat sie zunächst scheinbar kein Interesse an ihm. Und doch entwickelt sich im Verlauf des Romans eine interessante Beziehungsdynamik zwischen den beiden.

Zu Beginn sind sie sich beide vermutlich nur Mittel zum Zweck. Auch wenn Karla es nicht zugeben möchte, braucht sie jemanden, der sie auf ihrem letzten Weg begleitet, egal wen. Fred scheint sich etwas beweisen zu wollen. Er möchte dem Tod begegnen und kein Versager mehr sein. Die sterbende Karla kommt ihm da gerade gelegen. Die Geschichte zwischen Karla und Fred scheint zunächst keine Besondere zu sein. Zwei unterschiedliche Charaktere, die sich zunächst nicht besonders leiden können, nähern sich an. Angesichts des bevorstehenden Todes möchte Fred, dass sich Karla mit ihrem Leben aussöhnt. So kontaktiert er beispielsweise die verlorene Schwester und geht damit zu weit. Es gibt einen Bruch zwischen den beiden. Dann eine erneute Annäherung und schließlich ein friedliches Ende. Dennoch gibt es im Roman von Susann Pásztor Wendungen, mit denen der Leser nicht unbedingt gerechnet hätte. Es gelingt der Autorin dadurch, einige interessante Aspekte in Bezug auf das Sterben zu thematisieren.

So kommt es zum Beispiel nicht zu der vom Leser erwarteten Konfrontation mit anschließender Aussöhnung zwischen den beiden Schwestern kurz vor dem Tod. „Ich hege keinen Groll gegen sie. Ich will sie trotzdem nicht in meinem Leben haben. Hören Sie, Herr Wiener? Nicht in meinem Leben und schon gar nicht in meinem Sterben. Diese Art von Intimität mit ihr möchte ich nicht.“, sagt Karla in deutlicher Abgrenzung am Ende ihres Lebens und dabei bleibt es. Die Notwendigkeit, sich am Ende des Lebens mit Menschen und Konflikten aussöhnen zu müssen, ist vielleicht Teil eines Aberglaubens in Bezug auf den Tod. Gleiches gilt für die sogenannte ultimative Bucket List, d.h. der Wunsch noch einmal alles zu erleben, was man vom Leben erwartet hat. Karla möchte nichts dergleichen, was Fred vor große Unsicherheiten stellt. Was kann er dieser Frau noch bieten? Was zählt am Ende eines Lebens?

Was zählt, ist vielleicht vor allem (eine) gute, ehrliche Beziehung(en). Im Verlaufe seiner Sterbebegleitung stellt Fred fest, dass es nicht darum geht, den Helden zu spielen und den Tod für die andere Person in die Hand zu nehmen. Es geht einzig allein darum, da zu sein. Er stellt fest, dass er sich ab einem bestimmten Moment nicht mehr deshalb so engagiert, um kein Versager mehr zu sein, sondern allein deshalb, weil er beginnt, Karla wirklich zu mögen. Als Karla das merkt, beginnt sie, sich ihm zu öffnen. Sie braucht niemanden, der für sie das Sterben übernimmt, sondern einzig und allein einen Menschen, der für sie da ist – und zwar um ihrer selbst willen.

Karla scheint dennoch auch ein Sonderfall zu sein. Ihr gelingt es besonders gut, ihr Sterben in die eigene Hand zu nehmen. Sie setzt sich nicht nur akribisch mit dem Tod auseinander, sondern geht sogar selbst zum Bestatter, um ihr Begräbnis zu organisieren. Die Art, wie sie das tut, mutet nahezu grotesk an. So spielt sie beispielsweise mit dem Gedanken einer Beisetzung ihrer Asche als Substrat für einen Baumsetzling – am liebsten ein Olivenbaum, der in Spanien eingepflanzt wird. „Das klingt nach einer angemessenen Mischung aus Eitelkeit und Größenwahn im Angesicht des Todes.“, sagt sie. Sie mistet ihre Wohnung aus, bis fast nichts mehr übrig ist. „Sie würde am liebsten zum Schluss eine ganz leere Wohnung haben, hat sie gesagt.“ Und zu guter Letzt nimmt sie ihren Tod in die eigene Hand, als sie beschließt, auf jegliche Flüssigkeiten und Nahrung zu verzichten. Ein bis zwei Wochen würde es dann noch dauern. Nur wenige Menschen halten das aus. Karla gelingt es. Zu jeder Zeit ist sie klar, bestimmt und tritt ihrem Tod mutig gegenüber – wenn auch sicherlich nicht ganz frei von Angst.

Fred Wiener ist sehr beeindruckt von dieser Frau. Genau das hatte er lernen wollen, als er seine Ausbildung zum Sterbebegleiter begonnen hatte. Zu lernen, wie man stirbt. Letztendlich scheint es jedoch keine Anleitung dafür zu geben. Vielleicht ist für die einen eben doch die Auseinandersetzung mit einem alten Konflikt der richtige Weg. Für andere das Abarbeiten einer To-Do-Liste von möglichst schönen Erlebnissen. Für wieder andere möglicherweise das akribische Auseinandersetzen mit dem Tod bis hin zur absoluten Selbstbestimmung über das eigene Ende. Für manche vielleicht das konsequente Verleugnen, weil sie dem Tod in keiner Weise begegnen möchten. Weder Fred konnte Karla diesen Weg vorgeben noch konnte sie ihm wirklich zeigen, wie er es eines Tages angehen würde. Was Fred Wiener jedoch gelungen ist, ist seine Angst vor dem Versagen zu überwinden – und das, indem er seine eigentlich größte Angst bekämpft: nicht nur die Angst vor dem Tod, sondern die Angst vor echten, ehrlichen und engen menschlichen Kontakten. Auf einmal kann er dieser Frau gegenüber Nähe zulassen. Er beginnt, sich mit anderen auszutauschen und zu verabreden und es gelingt ihm, eine bessere Beziehung zu seinem Sohn Phil herzustellen.

Nicht wirklich gelungen ist meiner Meinung nach die Rolle von Fred Wieners Sohn im Roman von Susann Pásztor. Im Klappentext wird darauf hingewiesen, dass er eine bedeutende Rolle zwischen Fred und Karla spiele, dass es ihm gelinge, eine besondere Beziehung zu Karla herzustellen und dass es vor allem die Vater-Sohn-Beziehung sei, die sich im Text entwickelt. Die Kapitel werden aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt und Phil nimmt innerhalb des Romans nahezu ein Drittel ein. Das eigentlich Interessante an dem Roman ist meines Erachtens allerdings die Geschichte zwischen Fred und Karla, insbesondere weil gerade ihre Beziehung eine Entwicklung durchläuft. Darüber hinaus wirkt es unangemessen, dass ein 13-jähriger Junge eine fremde Frau aus dieser Nähe beim Sterben begleitet.

Nichtsdestotrotz wächst nicht nur Fred an seiner Aufgabe, sondern auch sein Sohn, der seit Jahren von seiner Mutter Substanzen geschickt bekommt, die sein Wachstum beschleunigen sollen. Und so liegt seine Rolle vielleicht eher darin zu zeigen, wie groß die Verantwortung einer begleitenden Person ist und wie bedeutend diese Aufgabe in der Folge für das eigene Leben sein kann.

Es bleibt die Frage, ob es ein (Un-)Glück ist, dem eigenen Tod in dieser Form begegnen zu müssen. Eine Stärke des Romans liegt darin, dass er die eigene Beziehung zum Tod als ein letztes Geschenk des Lebens darstellt.

 

Lea Ransbach


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