Mittwoch, 22.1., 18:30 Uhr
Hermann-Levi-Saal (Konzertsaal im Rathaus)
Berliner Platz 1
35390 Gießen
Veranstaltungsbericht
Am 22.01.2025 fand im Rahmen des universitätsübergreifenden Lehr- und Forschungsprojekts »Illustrators in Residence« in Kooperation mit dem Literarischen Zentrum Gießen eine inspirierende Begegung mit dem renommierten Kinderbuchautor und Illustrator Sebastian Meschenmoser statt. Die Veranstaltung begann mit einer kurzen Vorstellung durch Juliane Dube. Im weiteren Verlauf übernahm José Fernández Pérez die Moderation und führte das Publikum durch das Gespräch, das durch zahlreiche Fragen aus dem Publikum bereichert wurde.
Ein zentrales Thema des Abends war Meschenmosers Überzeugung, dass Kinder keineswegs als naive Leserschaft betrachtet werden sollten. Im Gegenteil – Kinder seien fähige, kritische Rezipienten, denen man mehr zutrauen sollte. Seine Bücher sollen junge Leserinnen und Leser nicht nur unterhalten, sondern sie auch mit anspruchsvollen Themen herausfordern und zum Nachdenken anregen. Besonders in der Art, wie er klassische Märchenstoffe neu interpretiert, zeigt sich sein persönlicher Ansatz: Jeder kennt Grimms Märchen, doch Meschenmoser dreht bekannte Erzählungen geschickt um und erzeugt damit eine parodistische Wirkung, die klassische Rollenbilder hinterfragt. Er ist überzeugt, dass Kinder Dinge gut infrage stellen können, dies jedoch mit der Zeit verlernen. Seine Werke sollen dazu beitragen, diese wichtige Fähigkeit zu bewahren.
Besonders beeindruckend war Meschenmosers Haltung zum Mut und Selbstbewusstsein, hinter seinen Büchern zu stehen und offene Fragen bewusst unbeantwortet zu lassen. Er sieht es als seine Aufgabe, Barrieren zu überwinden und Kindern nicht immer den einfachsten, glattesten Weg zu präsentieren. Stattdessen sollen seine Figuren auf Probleme stoßen, die möglicherweise nicht vollständig aufgelöst werden – denn auch im echten Leben gibt es nicht immer klare Antworten. Meschenmoser ist überzeugt, dass Kinder mit solchen Unsicherheiten umgehen können und irgendwann ohnehin mit diesen Themen in Berührung kommen. Besonders wichtig ist ihm dabei, dass Kinder ehrliche Kritiker sind, die direkt und unverblümt reagieren. Als Kinderbuchautor müsse man in der Lage sein, schwierige Themen aufzugreifen und eine in sich runde Geschichte zu schaffen, die sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht – eine Herausforderung, der er sich gerne stellt.
Ein weiterer bedeutender Aspekt seiner Arbeit ist der bewusste Umgang mit offenen Enden. Meschenmoser möchte keine simplen Lösungen präsentieren, sondern Raum für Diskussionen schaffen. Er betrachtet es als wertvoll, wenn Eltern und Kinder gemeinsam über die offenen Fragen eines Buches ins Gespräch kommen und nach eigenen Antworten suchen.
Im Verlauf des Gesprächs gewährte Meschenmoser spannende Einblicke in seine kreative Arbeitsweise. Seine Illustrationen zeichnen sich durch eine Mischung aus feinem Humor, tiefgründigen Themen und surrealistischen Elementen aus. Besonders interessant war seine Beschreibung des künstlerischen Prozesses – von ersten Bleistiftskizzen über digitale Vorcolorierungen bis hin zur finalen Umsetzung auf Papier. Trotz der Möglichkeiten digitaler Technik bevorzugt er analoge Arbeitsweisen, da diese seinen Werken eine besondere Authentizität verleihen.
Ein faszinierender Aspekt seines Schaffens ist die Art und Weise, wie Meschenmoser sich selbst in seinen Werken verewigt. Neben Elementen seines Umfelds, wie dem Stuhl und der Palme aus seinem Atelier, finden sich auch Selbstporträts oder subtile Anspielungen auf seine eigene Persönlichkeit in den Illustrationen wieder. Auf diese Weise schafft er eine persönliche Verbindung den eigenen Geschichten und eröffnet ein zusätzliches Interpretationselement für aufmerksame Leserinnen und Leser.
Zur Inspiration greift Meschenmoser nicht nur auf Bildmaterial oder Fotografien zurück, sondern nutzt auch reale Objekte als Vorlagen. Für sein Buch Chick lieh er sich beispielsweise Hühner aus einem Schulgarten aus und hielt sie in seinem Atelier, um sie in verschiedenen Posen abzuzeichnen. Diese direkte Auseinandersetzung mit seinen Motiven ermöglicht es ihm, seinen Illustrationen eine besondere Lebendigkeit und Authentizität zu verleihen.
Interessant war auch der Einblick in seinen Werdegang. Sein erstes Buch entstand während eines Studienaufenthalts in Frankreich – entgegen den damaligen Studienvorgaben, da Bilderbücher in seinem Kunststudium nicht vorgesehen waren. Heimlich arbeitete er daran und brachte es schließlich zur Frankfurter Buchmesse, womit sein Einstieg in die Welt der Kinderliteratur begann.
Die Veranstaltung verdeutlichte, dass Meschenmoser mit seinem künstlerischen Schaffen sowohl Kinder als auch Erwachsene anspricht. Er eröffnet neue Perspektiven und fordert seine Leserinnen und Leser auf, über die gewohnten Erzählmuster hinauszudenken.
Die Reihe »Illustrators in Residence«, die nun bereits seit vier Jahren besteht, bot mit dieser Veranstaltung einmal mehr eine hervorragende Gelegenheit, die Arbeit eines herausragenden Illustrators und Autors hautnah zu erleben.
Eine Veranstaltung des Instituts für Germanistik der Justus-Liebig-Universität Gießen im Rahmen des Projekts »Illustrators in Residence« in Kooperation mit dem Kulturamt der Stadt Gießen und dem Literarischen Zentrum Gießen e.V.
Von Fiona Pfeifer