Suhrkamp
247 Seiten
25 Euro
ISBN: 978-3-518-58833-8
von Lothar Schneider
Vergleichbare Sachbücher, die mit leichter Hand Neues berichten, begründen und bebildern, sind selten - und noch seltener geschieht es, dass man - wie bei Rosas Darstellung - das eben Gelesene in der eigenen Gegenwart überall wiedererkennt.
Man kann das Buch auf zweierlei Art lesen: Zum einen, wie üblich, in dem man die schlagenden Beispiele des Anfangs aufnimmt, mit denen Rosa zeigt, worum es in den nächsten zweihundert Seiten gehen soll, um dann dem argumentativen Aufbau des Textes Schritt für Schritt zu folgen. Man kann aber auch problemlos zum letzten Kapitel springen, um erst einmal zu sehen, worauf alles hinausläuft: Auf ein fulminantes Plädoyer für die Möglichkeit und Notwendigkeit gesellschaftlicher Spielräume mit allen Vor- und auch Nachteilen, die diesen eigen sind.
Dass Rosa, einer der renommiertesten Modernetheoretiker der gegenwärtigen deutschen Soziologie, dabei auch Nachteile findet, liegt nicht zuletzt daran, dass er unter ‚Spielräume‘ weniger gesellschaftlich zugewiesene Freizeiten, events, happy hours, workouts oder safe spaces versteht, sondern alle Räume, in denen der Einzelne nach eigener Einschätzung, mit eigenem ‚Fingerspitzengefühl‘ und auf eigene Verantwortung agieren kann und muss. Praktisch ist diese Art des Handelns notwendig, weil seine sachlichen Voraussetzungen, die ‚Entscheidungsgrundlage‘, kaum jemals in Gänze überblickt werden können und seine möglichen Konsequenzen nie vollständig zu beherrschen sind. Der Mensch befindet sich in ‚Situationen‘, so Rosas Begriff, - und Situationen erfordern Personen, d.h. Menschen mit ihrer ganzen Ausstattung und Wahrnehmung und Verantwortung für angemessenes Handeln. Ihre Gefahr liegt darin, dass die angebotene Entscheidungsfreiheit zur persönlichen Vorteilsnahme missbraucht wird.
Das Gegenmodell zur ‚Situation‘ ist die ‚Konstellation‘ – die Traumwelt aller Unsicheren und Kontrollfreaks: Eine Wirklichkeit, in der es klare Regeln gibt, in der die oder der Handelnde eindeutige Anweisungen vorfindet, in der er oder sie sich für die zutreffende der angebotenen Möglichkeiten entscheiden kann – und dann ist der Fall erledigt. Routinen abarbeiten, Formulare ausfüllen, Kästchen anklicken: Wir kennen das alle – und wir kennen alle das Problem, dass die angebotenen Alternativen nicht zu passen scheinen, dass wir womöglich am Schluss ganz woanders landen werden, als wir beabsichtigt haben. Rosa räumt ein, dass konstellatives Handeln durchaus Vorteile hat, ja unsere moderne Welt erst ermöglicht, weil es kohärente und komplexe gesellschaftliche Verfahren etabliert, die in vielen Entscheidungsprozessen die Reibungsverluste minimieren.
Aber er sieht auch Gefahren: Zum einen, dass unter der starren Gewalt von Überregulierungen (z.B. in Firmen oder Bürokratien) notwendige Anpassungen unmöglich werden, was zum Zusammenbrechen des jeweiligen Systems führen kann; zum andern aber auch und besonders, weil es unmittelbar negative Auswirkungen auf den Einzelnen hat: Konstellatives Handeln blockiert Selbstwirksamkeit. Wer in einer unsicheren Situation agiert, dessen Handeln wird Merkmale der eigenen Person spiegeln, er wird sich im Ergebnis wiedererkennen, so unangenehm dies auch sein mag – und er wird versuchen, diese Schwächen zu beheben. (Wer hat nicht erfahren, wie es ist, wenn man etwas zu Papier bringen will – und dann statt des eigenen Wunschbilds eine Karikatur zu finden glaubt, bei der einen der Verdacht beschleicht, dass sie der eigenen Person ähnlich sein könnte?) In konstellativem Handeln dagegen erfahren wir nichts als den Erfolg ein richtiges Kästchen geklickt, eine vorgegebene Routine abgearbeitet zu haben – oder bodenloses Scheitern. Für das Ergebnis sind wir in beiden Fällen nicht verantwortlich – es ist Produkt des Verfahrens. Uns bleibt bestenfalls die Freude, gut zu funktionieren und bisweilen der Verdacht, dass wir doch mehr sein möchten als Rädchen im Getriebe. Dann gibt uns die Opposition des Titels, der Gegensatz von Situation und Konstellation, zwei Modelle an die Hand unsere Praxis zu überdenken und zu verstehen.
Rosas Buch ist für gesellschaftliche Menschen, also Bürger, also alle, eine augenöffnende und hilfreiche Lektüre – und es bietet, weil flüssig geschrieben und mit treffenden Beispielen illustriert, ein intellektuell ebenso spannendes wie unterhaltsames Leseerlebnis.