Donnerstag, 13.2., 19 Uhr
Stadtbibliothek
Berliner Platz 1
35390 Gießen
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Eintritt frei, keine Anmeldung nötig
Veranstaltungsbericht
Wie lässt sich eine Gesellschaft gestalten, die nicht auf Auslese, sondern auf Verbundenheit beruht? Diese Frage stand am 13.02.2025 bei der Buchvorstellung von Hadija Haruna-Oelkers aktuellem Buch Zusammensein. Plädoyer für eine Gesellschaft der Gegenseitigkeit im Gesprächsmittelpunkt. Die Veranstaltung fand im Rahmen des Frühjahrsprogramms des Literarischen Zentrums Gießen in der Stadtbibliothek Gießen statt.
Die Frankfurter Journalistin, Autorin und Moderatorin sprach offen, klug und zugleich persönlich über politische Verletzlichkeit, gesellschaftliche Ausgrenzung und die Suche nach neuen Formen des Miteinanders. Ihre Überlegungen fußen auf ihren selbstgelebten Erfahrungen – als Schwarze Frau, als Mutter eines behinderten Kindes und als politische Akteurin.
Bereits der Entstehungsprozess ihres Buches sei »eine Reise des Verstehens gewesen«, so Haruna-Oelker. Das Schreiben habe ihr geholfen, Differenz nicht nur als trennendes, sondern als verbindendes Element zu begreifen. Sie plädiert für ein »Sehenlernen«, welches Menschen nicht auf einzelne Merkmale – etwa Behinderung, Hautfarbe oder Herkunft – reduziert, sondern biografische Vielfalt als Ressource versteht. »Alle Menschen sind mehr als das, was man an ihnen sieht. Und alle Körper haben einen Platz in dieser Gesellschaft«, betonte sie.
Ein zentrales Thema des Abends war die strukturelle Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung sowie die subtilen Formen des Ableismus – der gesellschaftlichen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, die aufgrund körperlicher, geistiger oder psychischer Eigenschaften von der vermeintlichen Norm abweichen und dadurch abgewertet, ausgeschlossen oder benachteiligt werden. Haruna-Oelker schilderte eindrücklich, wie oft ihr im Alltag die Frage gestellt werde, »Was ihr Kind denn habe?« . Die Formulierung selbst, so sagt sie, offenbare bereits ein Defizit im gesellschaftlichen Denken – ein Bedürfnis nach Einordnung, nach Kontrolle. »Warum interessiert es so viele Menschen, welche Behinderung mein Kind hat? Was löst diese Frage in mir aus?«, warf sie in den Raum – und ließ die Zuschauer mit dem Unbehagen dieser Selbstverständlichkeit nicht allein.
Besonders hervorzuheben ist, dass die gesamte Veranstaltung von Daniel Schreiber in Deutscher Gebärdensprache gedolmetscht wurde. Damit konnten auch gehörlose Gäste unmittelbar an den Inhalten teilhaben. Ergänzend waren die vorderen Reihen am Veranstaltungsort für hörbehinderte Menschen reserviert und wurden von diesen auch genutzt. Schreiber selbst beschrieb seinen Einsatz als »eine wunderschöne Erfahrung«. Dieses inklusive Angebot stand beispielhaft für das Anliegen des Abends: Kultur zugänglicher zu machen und Begegnungen auf Augenhöhe zu ermöglichen. Für das Literarische Zentrum Gießen war dieser Abend ein besonderes Herzensprojekt – ein sichtbares Zeichen für ein offeneres, zugänglicheres kulturelles Miteinander.
Eine spannende Sichtweise stellte Haruna-Oelkers Kritik an der fehlenden Aufarbeitung deutscher Geschichte – insbesondere im Hinblick auf den Umgang mit behinderten Menschen vor und nach 1945 dar. Sozialdarwinistische Denkweisen seien keineswegs überwunden, sondern bis heute tief in gesellschaftlichen Strukturen verwurzelt, so ihre These. Inklusion werde oft für gescheitert erklärt, bevor sie überhaupt systematisch umgesetzt wurde. »Es gibt keine politische Bildung für Erwachsene, die uns befähigt, unsere Sozialisierung zu hinterfragen«, sagte sie. Inklusion sei nicht gleich Integration – es gehe nicht darum, einzelne Menschen in ein bestehendes System zu »holen«, sondern das System selbst zu verändern.
Das Gespräch wurde von Diana Hitzke moderiert, die gezielt nach dem Begriff der »machtkritischen Elternschaft« fragte. Die Frankfurterin erklärte, Eltern müssten lernen, ihren Kindern nicht nur als Autorität, sondern als Verbündete zu begegnen. Politisches Bewusstsein bedeute nicht zwangsläufig Fachwissen – sondern vor allem Mitgefühl, Aufmerksamkeit und eine Haltung der Offenheit. Besonders Kinder mit Behinderung, so Haruna-Oelker, würden in Bildungsinstitutionen oft »nicht mitgedacht«. Sie bräuchten kein Mitleid, sondern eine Lobby – und Erwachsene, die sie ernst nehmen, so wie sie sind.
Ebenso thematisiert wurde das Konzept der »Gesellschaft der Gegenseitigkeit«. Für die Autorin geht es nicht um eine Utopie im fernsten Sinn, sondern um eine politische Praxis der Achtsamkeit. Sie formulierte es so: »Ich bin, weil wir sind.« Verletzlichkeit, so ihre Vision, solle nicht als Schwäche, sondern als verbindendes Element verstanden werden – als Grundlage für Verantwortung, Gerechtigkeit und Solidarität. Es solle ein Ende einer »Auslese« von Menschen mit Behinderung sein.
In einem Moment großer Emotionalität sprach die Autorin schließlich auch über ihre eigene Erschöpfung – und den Schmerz, immer wieder erklären, kämpfen und aufklären zu müssen. Doch sie machte auch Mut: »Wir können lernen, Dinge zu verlernen. Und wir können neue Formen des Zusammenseins erproben – wenn wir bereit sind, zuzuhören, zu hinterfragen und einander Platz zu machen.«
So wurde der Abend zu einem Beispiel dafür, wie gemeinsames Erleben von Literatur Offenheit, Zugänglichkeit und Miteinander stärken kann.
Von Analena Aberle