Kiepenhauer & Witsch
320 Seiten
24 Euro
ISBN 978-3-462-00761-9
Von Lucia Drewenka
»Eine Pille gegen den Kapitalismus kann ich Ihnen leider nicht geben.« (S. 36)
Dass sich Beruf und Gesundheit manchmal im Wege stehen, dass man oft lange suchen muss, um die Lösung für ein Problem zu finden, thematisiert Daniela Dröscher in ihrem neuen Roman Junge Frau mit Katze.
Ela, die Protagonistin, müsste eigentlich für die Verteidigung ihrer Doktorarbeit lernen. Stattdessen versucht sie, der Ursache ihrer körperlichen Beschwerden auf den Grund zu gehen. Neben oft nervenaufreibenden Besuchen bei Fachärzt*innen steht Ela zusätzlich vor zwischenmenschlichen Konflikten in ihrer Familie, in romantischen und platonischen Beziehungen sowie im beruflichem Umfeld. Geplagt von Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Herzrasen, und anderen scheinbar zusammenhangslosen Symptomen, findet sie ihren Weg zur Selbstermächtigung, sowohl gesundheitlich als auch beruflich.
Durch die Augen der Ich-Erzählerin Ela beleuchtet Daniela Dröscher einen sehr alltagsnahen und gesamtgesellschaftlichen Konflikt: die Vereinbarkeit von Arbeit und Gesundheit und den Umgang mit Krankheit im Berufsleben. Während Ela beruflichen Verpflichtungen nachzugehen hat, streikt ihr Körper. Obwohl sie zwischenzeitlich mit Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung im Krankenhaus liegt, arbeitet sie heimlich aus dem Krankenbett heraus. Das literarische Extrembeispiel zeigt, wie prägend das Pflichtbewusstsein gegenüber der Arbeit und die daraus resultierende Vernachlässigung der eigenen körperlichen Gesundheit sein kann. Hier wird deutlich, dass der bekannte therapeutische Ratschlag, den auch Ela bekommt, man müsse Stress vermeiden, weniger arbeiten, und sich mehr ausruhen, nur schwer umsetzbar ist.
Zentral ist zudem der Umgang mit chronischen Krankheiten, vor allem als weibliche Patientin im Gesundheitssystem. Die Protagonistin bewegt sich ständig zwischen Extremen, zwischen Hypochondrie und Apathie: »Entweder ich eilte von Notaufnahme zu Notaufnahme oder ich unterschätzte die Situationen auf himmelschreiend fahrlässige Weise« (S. 31). Auch begegnet Ela dem »Medical Gaslighting«, bei dem manche Ärzt*innen ihre Symptome herunterspielen und weniger ernst nehmen, so werden ihr zum Beispiel ihre Schmerzen abgesprochen, ein Problem von dem Frauen im Allgemeinen häufiger betroffen sind.
Durch eine bildliche Sprache wird Elas Körperempfinden für Leser*innen nahbarer: ihre Periodenschmerzen beschreibt die Ich-Erzählerin als ein wütendes Tier, dass mit seinen Krallen in ihren Eingeweiden tobt und ihre Burn-Out Symptome als »eine[n] Körper, der an ein verlassenes, kaltes und zugiges Haus nach einem erloschenen Feuer erinnerte.« (S.35) Dröschers einfacher Schreibstil bietet zudem einen leichten Zugang zur klar strukturierten Handlung. Die häufigen Arztbesuche der Protagonistin spiegeln den langen und schwierigen Leidensprozess wider, den Ela auf der Suche nach der richtigen Diagnose gehen muss. Angenehm kontrastiert wird dieser schwermütige Handlungsstrang durch die berufliche Entwicklung und Passagen, die das persönliche Umfeld Elas betreffen.
Vorangestellt sind den Kapiteln Epigraphen aus Yōko Tawadas Werken, über jene Ela ihre Dissertation geschrieben hat. Dies gibt einen Hinweis auf die autofiktionalen Elemente in Junge Frau mit Katze, da die Autorin ebenfalls über die japanische Schriftstellerin promoviert hat. Außerdem ist nennenswert, dass der Name der Ich-Erzählerin sich aus den letzten drei Buchstaben von Daniela – der Vorname der Autorin – zusammensetzt und die Protagonistin denselben Namen trägt, wie in Dröschers Roman Lügen über meine Mutter.
Dem Roman gelingt es, gesamtgesellschaftliche Themen zu illustrieren. Die Ich-Erzählerin Ela kreiert eine Identifikationsfigur, unabhängig von Alter, Geschlecht, Beruf. Dröschers einfache Sprache und ihr zugänglicher Erzählstil machen Junge Frau mit Katze somit zu einer klaren Leseempfehlung.