Claasen
384 Seiten
25 Euro
ISBN 978-3-546-10150-9
Von Lothar Schneider
Als Was nicht gesagt werden kann 2025 mit dem renommiertesten britischen Literaturpreis, dem »Booker Prize«, ausgezeichnet wurde, hoben die Rezensionen besonders die bemerkenswerte stilistische Qualität des Romans heraus. Da ›readability‹, also gute Lesbarkeit, im angelsächsischen Raum einen sehr hohen Stellenwert besitzt, war dies außergewöhnlich und man konnte vermuten, dass es dabei nicht um formale Spielereien und sprachliche Manierismen ging. Tatsächlich wird der Text lakonisch und metaphernarm, also in scheinbar anspruchsloser Sprache erzählt. Aber was auf der ersten Seite als trockene Nüchternheit erscheint, schlägt bald in eine eigentümliche Spannung und ein bemerkenswertes Leseerlebnis um.
Die außergewöhnliche stilistische Qualität des Romans liegt zwischen den Zeilen: Da sich die Erzählperspektive überwiegend auf Außensicht beschränkt und selbst innere Vorgänge als sachliche Abfolgen referiert werden, da die Dialoge knapp sind und auch der Held kaum über sich selbst Auskunft gibt, beginnt man im Text zu lesen wie in der Wirklichkeit: Man interpretiert – nicht, wie man normalerweise Literatur interpretiert, wenn man eine ‚wahre Bedeutung‘ hinter der Wirklichkeit der Wörter sucht, oder Gesetze interpretiert, wenn man wissen will, was allgemeine Regeln im Konkreten bedeuten sollen, sondern so, wie wenn man Form und Farbe von Puzzleteilen prüft, um sie zusammensetzen zu können, damit ein Bild erscheint.
Der Handlungsbogen ist rasch skizziert: Der Erzähler folgt Istvan, seinem Helden, von dessen problematischer Adoleszenz in einer ungarischen Plattenbausiedlung in die vermeintlich sicheren Höhen der Londoner Gesellschaft und darüber hinaus bis in die späten Mannesjahre.
Dabei geschieht viel – aber auch wenig, denn alles Psychodrama fehlt. Der Erzähler protokolliert das Geschehen ohne es zu deuten; der Held bleibt sich gleich, nimmt hin, was ihm widerfährt, und handelt, wenn erforderlich. Doch seine Gefühle bleiben dunkel: Istvan bemerkt sie zwar und folgt ihnen auch, aber er denkt nicht über ihre Bedeutung nach. Er versteht sich selbst kaum. Der Leser hingegen glaubt, Istvans Emotionen unter seiner Haut arbeiten zu sehen - lediglich Erektionen zeichnen sich deutlich ab. Tatsächlich spielt Sex häufig eine Rolle – aber der Leser entdeckt bald, es geht um Liebe: Um das komplexe Verhältnis zweier Individuen und deren je eigene emotionale und körperliche Befindlichkeit; ein Verhältnis, das in entspannten und ruhigen Situationen im Bewusstsein Raum greifen kann. Doch häufig werden die Emotionen von der situativen Notwendigkeit zu handeln in die Tiefe des Unbewussten gedrängt und mit der Zeit von immer neuen Ereignissen und Reaktionen auf diese Ereignisse überlagert, bis sie schließlich gewaltsam in einer neuen Gegenwart hervorbrechen. Es ist auch ein Roman über männliches Verhalten – wobei sich die Frage stellt, wieviel davon männlich und wieviel nur zufällig dem Geschlecht der Hauptfigur geschuldet ist.
Im englischen Original trägt der hervorragend übersetzte Roman den prägnanten Titel Flesh, was mit ›Fleisch‹ nur scheinbar leicht zu übersetzen wäre, da die deutsche Gegenwartssprache nicht wie die englische zwischen ‚flesh‘ und ‚meat‘ differenziert: Es geht hier nicht um tote Körperteile, wie sie in der Auslage von Metzgereien zu finden sind, sondern um ›Fleisch‹ im Sinne seines religiösen Wortgebrauchs: um Leben, um Begehren, um Versuchung und Erfüllung und Versagen und Verstehen.