Claassen
352 Seiten
24 Euro
ISBN 978-354-610-070-0
Von Annalena Stürmer
»Du bist gelähmt, verweigerst dich der Entscheidung, aber deine Weigerung, dich zu entscheiden, ist auch eine Entscheidung, weil dein ganzes Leben dir dann einfach passiert, anstatt dass du die Initiative ergreifst« (S. 290).
In seinem 2025 im Claassen-Verlag erschienenen Roman Drei Schwestern schreibt Christian Baron über die Schwestern Juli, Mira und Ella, ihr proletarisches Aufwachsen im Kaiserslautern der frühen 1980er Jahre, und über den Wunsch nach einem guten Leben. Der Roman stellt den Abschluss seiner Kaiserslauterner Trilogie dar und erzählt die fiktionalisierte Geschichte seiner Mutter und Tanten, ohne Wertung oder Vorwurf. Die Leser*innen lernen Figuren, die schon in den vorherigen Bänden auftauchen hier neu kennen, und zwar als von der Zukunft träumende Kinder und junge Erwachsene, die das ganze Leben noch vor sich haben.
Die Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein. Mira, die Mittlere, ist so ganz und gar in ihren Freund Ottes verliebt, wie es nur beim ersten Verliebtsein möglich ist. Sie erhofft sich mehr vom Leben, will ausbrechen aus dem von Armut und Gewalt geprägten Alltag. Aber wie weit muss man von zuhause fortgehen, um bei sich selbst anzukommen? Juli, die Jüngste, gibt sich nach außen taff und trotzig. Sie ist voller Wut auf die Männer und die Welt – vor allem aber voller Wut auf Ottes, der ihrer Meinung nach kein guter Mann für ihre Schwester ist. Ella, die Älteste, hat reich geheiratet, wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus mit eigenem Garten und arbeitet in einem Büro. Äußerlich scheint es, als habe sie es geschafft, sich von ihrer Herkunft loszulösen, und lebt das Ideal des guten, bürgerlichen Lebens.
Die Leser*innen begleiten die drei auf ihrer Suche nach dem Glück, versacken mit ihnen in dunklen, »nach Billigparfüm und Freizügigkeit« riechenden Bars (S. 188), schlendern über funkelnde Kirmessen, »wo klebrige Vierzehnjährige an Schnapsflaschen« (S. 277) hängen, und sitzen neben ihnen in engen Wohnzimmern, mit laufendem Fernseher, auf dem Tisch »eine Tabakdose, ein Zigarettenstopfgerät und ein Aschenbecher« (S. 221).
Die Perspektive wechselt zwischen den drei Schwestern und der Roman zeichnet sich durch seinen Dialogreichtum aus. Christian Baron schreibt atmosphärisch und sehr dicht. Vieles passiert auf den knapp 350 Seiten des Romans: Es wird geflucht und gestritten, sich voneinander entfernt und wieder zusammengerauft, es geht um Fehlgeburten, Gewalt und Alkoholismus. Der Ton ist mal derb, mal äußerst feinfühlig. Besonders eindrücklich beschreibt der Autor die Scham über die eigene Herkunft, die sich tief in die Körper der drei Schwestern eingegraben hat und die auch Ella trotz ihres sozialen Aufstiegs nicht abschütteln kann. Ein Gefühl, das präsent ist »wie ein Dauerpfeifen im Ohr, das niemand ersehnt oder behalten will, an das man sich aber gewöhnen kann« (S. 41).
Trotz der zahlreichen Tiefpunkte und Rückschläge, mit denen die Figuren konfrontiert werden, lebt die Geschichte von Humor und Hoffnung. Mira, Juli und Ella suchen auf ganz unterschiedliche Weise nach Freiheit und verlieren dabei nie den Mut, ihren eigenen Weg weiterzugehen. Bedingungslos stehen sie einander bei, geben Halt und schaffen so einen Raum, in dem selbst schwierige Erfahrungen getragen werden können. Drei Schwestern erzählt von jungen Frauen, die zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwachsen – eine Geschichte über Zusammenhalt, Widerstandskraft und das beharrliche Weitermachen trotz aller Brüche.