Hanser
160 Seiten
23 Euro
ISBN 978-3-446-28298-8
Von Nicoletta Rosita Murano
»Sie selbst zumindest habe sich den Text in den Jahren, die sie schreibend verbracht habe, nie als Rettung, sondern vielmehr als Ausdruck einer irren, gellenden Lebendigkeit gedacht, einer Gegenwart, von der sie selbst ja ganz durchschossen sei. Der Text als Notiz aus dem Chaos, dem Mahlstrom des Lebens […]« (S.10)
Auf diese Weise beschreibt die Protagonistin, eine anerkannte Autorin zu Beginn des Romans ihre Arbeit − und genauso lässt sich die Holländerinnen deuten: als chaotische Zusammenstellung aus einer Rede aus Geschichten, Mythen und Notizen eines Protokolls, die den Mahlstrom des Lebens in sich einschließen. Am Ende lassen sich dieses Chaos und die Dunkelheit dennoch durch ein Licht auflösen. Stellt dies das Ende der Schreibblockade der Protagonistin dar?
Die berühmte, aber namenlose Schriftstellerin ist zu einer Poetikvorlesung eingeladen, um »über die Prämissen und Methoden, über die Texte und Positionen […]« (S.9), die ihr Denken bei dem Verfassen ihrer gesamten Arbeit begleitet haben, zu sprechen. Sie, kann aber kaum die richtige Dialektik für ihre Rede finden und erzählt stattdessen von einer vergangenen Erfahrung mit einer Theatergruppe im südamerikanischen Urwald, die ihr Schreiben beeinflusst hat. So beginnt der 2025 mit dem Deutschen Buchpreis gekrönte Roman von Dorothee Elmiger. Als ein Theatermacher, ebenfalls ein durch das ganze Buch namenloser Mann, die Protagonistin für die Durchführung eines Bühnenprojekts in den Tropen einlädt, befindet diese sich mitten in einer Schreibblockade. Aus Verzweiflung heraus, folgt sie der Einladung und reist nach Südamerika. Zusammen mit einer ausgewählten Theatergruppe begibt sich die Schriftstellerin auf die Spur einer wahren Begebenheit − dem Verschwinden zweier holländischer Frauen in ihren Zwanzigern im Jahr 2014 im Urwald Panamas − um Material für das Theaterstück zu sammeln. Sie hatte dabei die Aufgabe, ein Protokoll zu führen, in dem alles dokumentiert werden muss was geschieht, was erzählt wird und was gesehen wird.
Ab diesem Punkt geht es in der Geschichte dann genau darum: ein Bericht über die Geschehnisse, die Erzählungen und die natürliche Landschaft. Was den Holländerinnen jedoch widerfuhr, ist der Gipfel des Grauens. Ein konstantes Gefühl der Angst beherrscht die erzählten Geschichten, eine ewige Furcht kreiert durch die beschriebenen Farben der Natur, durch ihre Pflanzen und den Regen. Es scheint genau dieselbe Furcht zu sein, die aus den 91 von den Holländerinnen aufgenommenen Fotos hervorgeht.
Dabei bleibt immer im Dunkeln, was die eigentliche Motivation des Theatermachers ist. Hat er etwas mit dem Verschwinden der Holländerinnen zu tun? Reenactment und hypnotischer Realismus legen Spuren in diese Richtung, doch vermitteln nie Klarheit. Was steckt hinter dieser skrupellosen Figur, die sich von niemandem aufhalten lässt und unbedingt ihre Pläne umsetzen will? Immer wieder bezieht er sich Begriffe aus Literatur, Philosophie und Theater die ihn als machtmissbrauchenden Menschen charakterisieren. Gezeigt wird damit seine Gewalt– eine Gewalt, die man spürt, wenn man versucht, etwas Grausames und Böses in Worte zu fassen.
In seiner inneren Struktur wirkt der Roman, als würde die Erzählung im Moment stattfinden. Er hinterfragt unsere existenzielle Verlassenheit, unsere Urängste, die Grenzen der Sprache sowie die Konstruktion von Wahrheit und Macht.
Auch sprachlich und formal greift der Roman diese Themen auf. Das Buch arbeitet mit langen Satzperioden und ist überwiegend im Konjunktiv I formuliert. Diese Entscheidung erzeugt Spannung und vermittelt ein Gefühl von Unsicherheit, während sie den erzählten Geschichten zugleich größere Intensität verleiht. Gleichzeitig entsteht eine Verbindung zwischen der in der Gegenwart spielenden Handlung und den Ereignissen, die sich während des gesamten Theaterprojekts entfalten. Mit dieser Technik zeigt Dorothee Elmiger die Fähigkeit ein literarisches Netz zu spannen und eröffnet den Leser*innen einen, komplexen Deutungshorizont.