Bock! Andreas Matlé und Roland Bock über die Roman-Biographie des Ringers 

Andreas Matlé, Roland Bock und Sascha FeuchertAndreas Matlé, Roland Bock und Sascha Feuchert

Dienstag, 28.9. – 19 Uhr

Prototyp
Georg-Philipp-Gail-Str. 5
35394 Gießen

GA | GAZ | Landbote | Gästebuch

Eintritt: frei

Moderation: Sascha Feuchert (LZG | Institut für Germanistik)

Es ist eine Biographie, der man ehrfürchtig begegnet. Es ist ein herausragendes Leben voller Abenteuer. Ein Leben voller Tragik und trotz allem – und ganz besonders vor allem – ist es ein Leben wie kein anderes. Am 28.9 konnten wir im Prototyp einen Menschen erleben, der ganz unverblümt und mit einem »Mumm«, wie ihn die wenigsten haben, über die eingebranntesten Erlebnisse und die tiefsten Gefühle spricht.  Es ist die Geschichte eines Mannes, welcher in jungen Tagen nur die Sprache der Gewalt erfahren hat und trotzdem der Welt mit einem unverwechselbarem Humor und unbezwingbarem Mut den erhobenen Mittelfinger ausstreckt. Es ist eine berührende Geschichte, die nicht einmal »für zwei Leben reicht« wie der Moderator des Abends Prof. Dr. Sascha Feuchert (LZG I Institut für Germanistik) zu Beginn der Veranstaltung verkündet.

Und diese beschäftigt sich mit dem Leben Roland Bocks – einem Jungen, der in einem gewalttätigen Elternhaus aufwächst, mit zwölf erfährt, dass seine Mutter den alkoholkranken und fremdgehenden Vater verlassen hat, der auf dem Schulhof verprügelt und vom Lehrer gedemütigt wird, solange bis er den entscheidenden Entschluss gefasst hat, sich gegen all jene Ungerechtigkeiten des Lebens aufzubäumen. Auf die Frage hin, wie Roland Bock nun mit all dem umging, antwortete er ganz flapsig: »Ich forderte meinen Sportlehrer Herrn Baumann zum Catchen auf und putzte mit ihm sowas von die Matte. Danach sagte ich ihm: Sie werden mich nie nie wieder schlagen. Wenn sie das noch einmal tun, schlage ich Ihnen eine auf die Batterien, wie sie es noch nie erlebt haben.« Und diese Worte brannten sich in Roland Bock ein wie ein Mantra, denn zu einem weiteren Tiefschlag kam es danach nur selten.

Seine Bestleistungen bei den Bundesjugendspielen zu Realschulzeiten und der Drang der Beste sein zu wollen, sollten ihn schließlich zum Catchen bringen. Doch war der Sport für Bock mehr als das. Er war eine Chance, die eingesteckten Schläge des Lebens zu verarbeiten, sie in Erfolg umzuwandeln. Er war die Befreiung aus seiner Vergangenheit, seinem Elternhaus. Und mit seinem naturgegebenem Talent zum Catchen geht es plötzlich Bergauf. »Ich habe jeden Tag trainiert wie ein Ochs‘« erklärt Bock. 1962 folgt der Sieg um den Deutschen Jugendmeister im Ringen, im selben Jahr kam der Juniorenmeister-Titel im Schwergewicht hinzu. Auch im Wrestling feiert der gebürtige Stuttgarter mehrere Welterfolge. Sechs Jahre später folgt dann der Antritt bei Olympia. Sogleich antwortete Bock mit Leidenschaft in der Stimme auf die Frage hin, was ihn am Catchen fasziniert: »Ich habe förmlich den Schweiß meines Gegners gerochen. Da war klar – das ist mein Sport!« Doch blieb es nicht beim sportlichen Erfolg, denn Bocks unermüdlicher Durst nach Lebenserfüllung brachte ihm so mancherlei Einfall und Bekanntheit: Frauencatchen oben ohne, Kämpfe zwischen Mensch und Braunbär, Schauspielen vor der Filmkamera mit Gerard Depardieu. So ist es klar, dass Roland Bock nicht lange unentdeckt bleibt und tatsächlich wird die Vita Bocks von Andreas Matlé (Journalist und Leiter der Pressestelle der OVAG) in einem fünfjährigen Prozess schriftstellerisch aufgearbeitet.

Zufällig in Friedberg getroffen, erkannte Andreas Matlé Bock an seiner »Strickweste an Rücken«, welcher ohnehin in seiner Jugend einem Catch Fan-Club angehörte und eine Fan-Zeitung schrieb. Überrascht über den Zusammenstoß mit Roland Bock, fasste Matlé den Entschluss, Bocks Leben aufzuzeichnen: »Das kann nicht sein. Die Geschichte muss man einfach aufschreiben.« Im weiteren Gespräch mit Moderator Prof. Dr. Sascha Feuchert erklärte Matlé, dass es ihm wichtig war, eine sprachliche Atmosphäre einzufangen, die an Roland Bocks Wesen erinnere. Dabei wollte er, dass man Bock an seinem Sprachgebrauch, seinem Witz und seinen Formulierungen erkenne. Gelungen ist Matlés sprachliche Anpassung an Bock nicht zuletzt wegen der Reaktionen im Publikum. Die bizarren und lustigen Anekdoten erzeugten nicht selten schmunzelnde Gesichter und begeisterte Haltungen.

Alles in allem kann man sagen, dass die Lesung an Nahbarkeit nicht zu übertreffen war. Roland Bock überzeugte mit seiner Ehrlichkeit, seinem großen Mut, seiner Lebenslust und seiner Lebensphilosophie für und nicht gegen das Schöne im Leben zu stehen.

 

Chahrazad Bakhouch

 

 

In Kooperation mit Zellkultur - Büro für angewandte Kultur und Bildung


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