IM HERZEN DER KATZE. Jina Khayyer liest aus ihrem literarischen Debüt 

© Tim Spengler© Tim Spengler

Mittwoch, 28.1., 19 Uhr 

Hermann-Levi-Saal (Konzertsaal im Rathaus)

Berliner Platz 1

35390 Gießen

Zugang barrierefrei

 

Gästebuch|GA

 

 

 

 

 

Moderation: Sabrina Syben (LZG) | Vera Stelter (Büro für Integration)

Veranstaltungsbericht

Am Mittwochabend, den 28. Januar 2026, versammelten sich zahlreiche Literaturinteressierte im Hermann-Levi-Saal in Gießen, um die deutsch-iranische Autorin Jina Khayyer und ihr Romandebüt Im Herzen der Katze kennenzulernen. Die Lesung, moderiert von Sabrina Syben (LZG) und Vera Stelter (Büro für Integration), entwickelte sich zu einem Austausch über kulturelle Identität, Freiheit, Gemeinschaft und die Bedeutung von Sprache und Heimat. 

Die Ermordung von Jina Mahsa Amini 2022 wurde für Khayyer zum Auslöser, sich intensiv mit ihrer eigenen Identität als Iranerin auseinanderzusetzen und diente auch als Schreibanlass für den Roman. Ihre persönliche Betroffenheit spiegelt sich auch in der Erzählerin Jina wider, die denselben Namen trägt und eine starke Überidentifikation mit der realen Person Jina Mahsa Amini empfindet. Im Zentrum des Romans stehen drei Generationen von Frauen im Dialog miteinander. Sie verkörpern die unterschiedlichen politischen Ebenen und Erfahrungen, sind jedoch alle von patriarchalen und repressiven Systemen geprägt und stehen als Kollektiv für unermüdliche Widerstandskraft und Stärke. Khayyer sei es wichtig gewesen, die Gegenwart festzuhalten, ohne die Vergangenheit aus dem Blick zu verlieren, weshalb der Roman mit zwei Erzählebenen arbeitet. Persönliche Erinnerungen und politische Ereignisse greifen ineinander. Dabei steht immer wieder die Frage im Raum, was es bedeutet, ein emanzipiertes Leben zu führen und welche Risiken damit verbunden sind.  

In den gelesenen Passagen zeigte sich, wie stark der Roman von Gegensätzen lebt: poetische Sprachbilder treffen auf eindringliche Darstellungen von Gewalt und Unterdrückung. Khayyer betonte dabei besonders die Rolle der persischen Sprache, deren Schönheit und Ausdruckskraft sie bewusst einfließen lässt. Die direkten Übersetzungen und die Verwendung arabischer Schriftzeichen führen an die persische Sprache heran und schaffen gleichzeitig ein Gefühl für kulturelle Differenz.  

Im Gespräch mit Sabrina Syben und Vera Stelter wurde deutlich, wie sehr Khayyers Schreiben von einem Gedanken geprägt ist: dem Wunsch nach Freiheit. Für sie bietet gerade die Form des Romans die Möglichkeit, sich frei zu bewegen, inhaltlich wie formal. »Als Schriftstellerin darf ich alles«, sagte sie und beschrieb damit eine Haltung, die sich durch ihr gesamtes Werk zieht. Sie schreibe intuitiv, arbeite mit handschriftlichen Skizzen und lasse ihren Figuren bewusst Freiraum statt ihnen feste Wege vorzugeben. Diese Ablehnung von festen Grenzen versteht Khayyer nicht nur literarisch, sondern auch als persönliche Haltung. Gleichzeitig ist ihr Schreiben stark von den Gemeinsamkeiten zwischen deutscher und iranischer Kultur inspiriert.  

Überhaupt zog sich das Thema Gemeinschaft wie ein roter Faden durch die Veranstaltung. Khayyer ist es mit ihrem Roman ein Anliegen, eine Brücke zur iranischen Kultur zu schlagen und dazu einzuladen, in diese Welt einzutauchen, etwa durch Szenen des gemeinsamen Essens oder familiären Beisammenseins. »Fremd sein bedeutet nur, etwas nicht gut zu kennen«, betonte sie und verdeutlichte damit die Wichtigkeit von Austausch und gegenseitigem Verständnis. Sie erklärte, wie wichtig kollektive Strukturen insbesondere im Iran seien. Das Land habe immer wieder als Gemeinschaft zusammenfinden müssen und genau daraus entstehe eine besondere Stärke. In diesem Zusammenhang würdigte sie besonders die unermüdliche Willensstärke und den Mut der jungen Generation. Diese Perspektive überträgt sie auch auf allgemeinere gesellschaftliche Fragen und plädiert dafür, dass Demokratie und Selbstbestimmung als kollektive Werte verstanden werden müssen, die nur gemeinsam getragen werden können. Neben politischen und gesellschaftlichen Fragen widmete Khayyer sich auch persönlichen Erfahrungen von Zugehörigkeit. Für sie bedeutet Heimat kein fester Ort, sondern ein Koffer, der sich nach und nach mit verschiedenen Dingen füllt, die Heimat bedeuten. Dieses offene Verständnis von Heimat spiegelt sich auch in ihren Figuren wider, die sich häufig gleichzeitig zugehörig und fremd fühlen. Darüber hinaus thematisierte Khayyer die Bedeutung von Migration als etwas, das alle Menschen verbindet. »Was uns alle verbindet, ist Liebe und Bewegung«, sagte sie und verwies darauf, dass jede Biografie von Bewegung geprägt ist, unabhängig davon, ob über Ländergrenzen hinweg oder innerhalb eines Landes. 

Jina Khayyer bleibt nicht nur mit ihrer authentischen und schlagfertigen Art im Gedächtnis, sondern auch mit ihrer spürbaren Vertrautheit mit dem Iran. Genauso wichtig wie auf die dort anhaltende Repression und Gewalt des Regimes aufmerksam zu machen, ist es, die schönen Seiten des Irans sichtbar zu machen: die Esskultur, die Bedeutung von Gemeinschaft und Zusammenhalt, die Herzlichkeit und Stärke seiner Menschen. Ganz im Sinne ihres literarischen Anliegens gelang es Khayyer die Anwesenden miteinander zu verbinden und ihnen die iranische Kultur näherzubringen. Sie machte uns an diesem Abend bewusst, dass wir – so fremd wir uns vielleicht zunächst sind – als Gesellschaft zusammenhalten müssen. Momente wie in dieser Lesung sorgen für mehr Verständnis untereinander und für mehr Bereitschaft zur Solidarität. Sie sind auch eine Erinnerung daran, wie sehr Literatur verbindet und wie unverzichtbar sie deshalb für unsere Gesellschaft ist.  

In Kooperation mit dem Büro für Integration, dem Büro für Frauen und Gleichberechtigung und dem Kulturamt der Universitätsstadt Gießen

Von Isabella Tahmouresi


Drucken

TOP

Literarisches Zentrum Gießen e.V.
Südanlage 3a (Kongresshalle)
35390 Gießen

Telefon: 0641 972 825 17
Telefax:  0641 972 825 19
E-Mail:    info@lz-giessen.de

ÖFFNUNGSZEITEN BÜRO:

MO  10.00 - 14.00 Uhr
DI    13.00 - 17.00 Uhr
DO  10.00 - 14.00 Uhr

SOCIAL NETWORKS & KONTAKT

© Copyright 2026 Literarisches Zentrum Gießen e.V. Alle Rechte vorbehalten.