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Kristine Bilkau I Halbinsel 

Luchterhand

224 Seiten

24 Euro

ISBN 978-3-630-87730-3

 

Von Sophie Alles 

„»Lass mir diese Ruhe doch. Was sind schon einige Wochen, in denen alles etwas langsamer läuft? Zwei, drei Monate in einem ganzen Leben?«“ (S. 100).

In ihrem Roman Halbinsel, der mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse 2025 ausgezeichnet wurde, behandelt Kristine Bilkau auf leise und doch eindringliche Weise zentrale Themen unserer Zeit. Mit dem Porträt einer Mutter-Tochter-Beziehung stellt sie die Diskrepanz zwischen den Generationen dar, die Schwierigkeit, das richtige Maß an Nähe und Distanz zu finden, wobei sich unweigerlich die Frage aufdrängt, wie dieses »richtige« Maß überhaupt aussehen soll. Es geht um Liebe und Trauer, Leistungsdruck und Sinnsuche, aber auch um die Klimakatastrophe sowie die damit einhergehende Verantwortung und Verzweiflung. Ebenso spielt die immer weiter verschwimmende Grenze zwischen Realität und Täuschung eine wichtige Rolle.

Im Zentrum der Geschichte stehen die 24-jährige Linn und ihre Mutter Annett, die Ende vierzig ist und aus der Ich-Perspektive erzählt. Nach ihrem Abitur ist Linn hinaus in die Welt gegangen, hat sich in schwedischen und rumänischen Wäldern als Umweltvolontärin engagiert und dort an Naturschutzprojekten gearbeitet. Als sie während einer Tagung in Nordbrandenburg plötzlich einen Schwächeanfall erleidet und ins Krankenhaus muss, nimmt ihr Leben eine 180-Grad-Wendung. Sie wird krankgeschrieben und verbringt zunächst eine Woche bei Annett am Wattenmeer. Aus einer Woche werden Wochen und schließlich Monate: Linn kündigt ihren Job, gibt ihre Wohnung in Berlin auf und nimmt stattdessen eine Stelle in der örtlichen Bäckerei an. Während dieser Zeit müssen sich die beiden Frauen (neu) kennen- und verstehen lernen: »Fürsorge und Freiheit, das eine schränkte das andere ein, Freiheit und Fürsorge, beides hing untrennbar miteinander zusammen« (S. 202). Annett wünscht sich für ihre Tochter all das, was sie selbst nicht erreichen konnte, und verurteilt deshalb zunehmend Linns Antriebslosigkeit. Besonders ihre Entscheidung, beim Bäcker zu arbeiten, stößt bei Annett auf Abwehr und Unverständnis. Schließlich hat sie ihre eigene Zukunft für ihre Tochter »geopfert«. Die Ironie zeigt sich indessen darin, dass diese Sinnkrise ein Zustand ist, in dem sich Annett selbst befindet. Es wird deutlich, dass sie den tiefen Wunsch verspürt, den Generationenkonflikt und damit verbundene Traumata zu überwinden, jedoch daran scheitert. Sie versucht, ihre Tochter vor allem Bösen zu beschützen, begegnet dadurch allerdings dem Problem, ihre eigenen Ängste und Sorgen Linn gegenüber nicht äußern zu können. Dabei würde ein offenes Gespräch ein gegenseitig besseres Verständnis bewirken.

Bilkaus Roman zeigt Nachsicht dafür, den Fuß ein wenig vom Gas zu nehmen und nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, was man tun möchte und auch, wo man hingehört. Mit einer melancholischen und zwischen den Zeilen verborgenen Sprache erzählt die Autorin eine Geschichte, die berührt und nachdenklich stimmt. Dabei schafft sie eine imaginierte/fiktive Realität, die unsere eigene widerspiegelt; ein Gesehenwerden für alle, die sich in den Charakteren wiederfinden.


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